TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG
Theorie und Praxis
Nr. 2, 15. Jahrgang - August 2006, S. 120-123

Tagungsberichte

Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft. Forschung im Dialog

Dortmund, 28. - 29. April 2006

Bericht von der gemeinsamen Tagung der Sektionen „Frauen- und Geschlechterforschung“ und „Arbeits- und Industriesoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

von Linda Nierling und Bettina-Johanna Krings, ITAS

1     Hintergrund

Welche Auswirkungen haben die aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für die Zukunft der Erwerbsarbeit? Wie wirken sich die gegenwärtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf die Organisation von Arbeit in Unternehmen aus? Sind die Konsequenzen für Frauen und Männer unterschiedlich? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Tagung „Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft. Forschung im Dialog“ der „Sektionen Frauen- und Geschlechterforschung“ und „Arbeits- und Industriesoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sie fand vom 28. bis 29. April in Dortmund statt und wurde von der Sozialforschungsstelle Dortmund ausgerichtet. Mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutierten ausgesprochen leidenschaftlich über aktuelle Entwicklungen in der Erwerbsarbeit und deren verändernde Effekte auf das Geschlechterverhältnis.

Die Qualität der Diskussionen war ohne Zweifel durch die Besonderheit dieser Tagung geprägt: Es war historisch die erste gemeinsame Tagung der beiden Sektionen; sie hatte den Anspruch, den Dialog zwischen den beiden Diskussionssträngen zu fördern. In der Vergangenheit wurden wenige thematische Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Richtungen gemeinsam diskutiert, was sicherlich an Anerkennungsproblemen der Frauen- und Geschlechterforschung innerhalb der Zunft selbst gelegen hat. Der Wunsch nach Dialog entstand offensichtlich in einer inhaltlichen Annäherung, da sich in den vergangenen Jahren die Arbeits- und Industriesoziologie zunehmend dem Themenbereich „Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Leben“ zuwandte, der von der Frauen- und Geschlechterforschung schon seit langer Zeit als typisch weibliches gesellschaftliches Phänomen erkannt wird.

Das Tagungsprogramm war entsprechend dieser inhaltlichen Annäherung gestaltet. So wurden die thematischen Schwerpunkte der Tagung („Dienstleistungen“, „Arbeiten in der globalen Ökonomie“, „Karrieren und Arbeitsbiographien im Wandel“) jeweils durch einen Dialog zwischen einer Wissenschaftlerin der Sektion für Frauen- und Geschlechterforschung und einem Wissenschaftler der Arbeits- und Industriesoziologie eingeleitet. Im Anschluss an diese Art von Streitgespräch sollten die Themen durch Fachvorträge vertieft werden, die über aktuelle Forschungsergebnisse berichteten. Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Arbeitsgesellschaft“, die mit namhaften Vertreterinnen und Vertretern der beiden Forschungsstränge besetzt war. Im Folgenden wird auf Vorträge und Diskussionen aus den Schwerpunktbereichen „Dienstleistungen“ und „Karrieren und Arbeitsbiografien im Wandel“ sowie auf das Abschlussplenum eingegangen. Dabei werden sowohl die Integration der beiden Diskussionsstränge als auch fortbestehende Differenzen aufgezeigt.

2     Geschlechterdifferenzen in der Struktur der Dienstleistungsarbeit

Martin Baethge (Soziologisches Forschungsinstitut, Göttingen) zeigte verschiedene Kategorien von Dienstleistungen auf, die bei der derzeitigen Arbeitsmarktentwicklung bestehenden Geschlechterdifferenzen nicht nur weiterhin erhärten, sondern vertiefen und erneuern. Diese Beobachtung führte er auf die Entwicklung der Dienstleistungstätigkeit zurück, die zunehmend nach marktwirtschaftlichen Kriterien organisiert würden. In einer harten Kritik an diesem Umstand wies er auf aktuelle Tendenzen in der Arbeitswelt hin, viele Tätigkeiten und Arbeitsabläufe zu rationalisieren und zu standardisieren. Das Problem basiert aus seiner Sicht auf einem fehlenden Verständnisses davon, was Produktivität von Dienstleistungen überhaupt bedeute. Die aus der Produktionssphäre bekannten Kriterien wie Effizienz und Leistungsdruck stellen für ihn einen völlig falschen Ansatz zur Umstrukturierung dieses Sektors dar. Bei der Bewertung von Produktivität sollte im Gegenteil vielmehr die Qualität von Dienstleistungen eine wichtige Rolle spielen. Dass dem gegenwärtig nicht so sei, werde besonders bei gering bezahlten Dienstleistungen deutlich. Dort fänden sich zunehmend mehr tayloristische Arbeitsbedingungen, was sich beispielsweise im Bereich der Pflege völlig kontraproduktiv auswirke. Wie sollte man den fürsorglichen Umgang mit kranken oder alten Menschen effektiv und kostengünstig organisieren, ohne dass Pflege per se an Qualität verliere?

Was dringend fehle, sei die Entwicklung von Qualitätskriterien, die diesen vielfältigen Tätigkeiten gerecht würden, d. h. viele Aspekte, die die veränderten Zeitrhythmen genauso ernst nähmen wie humane oder kollektive Erwartungen an Dienstleistungen. Darüber hinaus könne gerade bei diesen personenbezogenen Dienstleistungen beobachtet werden, wie sich die traditionelle Unterbewertung von weiblicher Reproduktionsarbeit fortsetze. Dies zeige sich an der geringen Bezahlung, der mangelnden Professionalisierung und den fehlenden Karrieremöglichkeiten im Rahmen dieses Sektors.

Aus Sicht der Frauen- und Geschlechterforschung wurde diesem Ansatz weitgehend beigepflichtet, wobei es leider keine dezidiert kritische Auseinandersetzung mit Baethges Ansatz gab.

3     Theorie und Praxis des Arbeitskraftunternehmers

Der Dialog über den „Arbeitskraftunternehmer“ wurde von G. Günther Voß (Technische Universität Chemnitz) und Sylvia Wilz (Fernuniversität Hagen) geführt.

Voß stellte prägnant den von ihm und Hans Pongratz (Technische Universität München) entwickelten Idealtypus des „Arbeitskraftunternehmers“ vor; dabei handelt es sich um einen prognostischen Begriff vom künftigen Arbeitnehmer, der die Diskussion seit Jahren intensiv prägt. Kennzeichen des „Arbeitskraftunternehmers“ seien (1) die Selbst-Kontrolle, d. h. die Kontrolle der Arbeitstätigkeit im Betrieb, (2) die Selbst-Ökonomisierung, d. h. die Vermarktung der eigenen Arbeitskraft und (3) die „Selbst-Rationalisierung“ in der individuellen Lebensführung. Die in Folge der Prognose real beobachtbaren Entwicklungen seien seiner Einschätzung nach skandalös, da sie eine Internalisierung des Marktes in Arbeit und Leben nach sich zögen. Dem Rahmen der Veranstaltung geschuldet widmete sich Voß dann ohne Umschweife der Frage nach der Geschlechterrolle des „Arbeitskraftunternehmers“. Dieser sei an sich geschlechtsneutral; die Erscheinungen und Merkmale, die er hervorrufe, seien jedoch „sozial differenziert und geschlechtsspezifisch konnotiert“. Weitergehende, für die Geschlechterforschung aus seiner Sicht interessante Fragestellungen, berührten drei Themenkomplexe: (1) die Frage, ob für beruflich ambitionierte Frauen durch die Entwicklungen der Subjektivierung besondere Chancen entstünden, (2) die Frage, ob Erfahrungen im „weiblichen Lebenszusammenhang“ (wie die Bewältigung von Ambivalenzen) Vorteile im Umgang mit den neuen Anforderungen böten und (3) die Frage, ob der „Arbeitskraftunternehmer“ mit mütterlichen Sorgeverpflichtungen vereinbar sei.

Wilz stellte in ihrem lebendigen Beitrag eine Gegendarstellung zur Diskussion. Sie lehnte deutlich einen Idealtypus wie den „Arbeitskraftunternehmer“ als empirische Analysekategorie ab. Mit Hilfe eines anschaulichen Beispiels wies sie darauf hin, dass sich Geschlechterdifferenzen vielmehr in den Ambivalenzen und dem Nebeneinander von Entwicklungen aufzeigen ließen, wie auch entsprechende empirische Studien belegten. In diesem Sinne gab sie Voss auf der empirischen Ebene zwar Recht, dass der „Arbeitskraftunternehmer“ einmal als weiblich, einmal als männlich interpretiert werden könne, aber die Suche nach diesen Typus verstelle völlig den Blick auf die realen Gegebenheiten. In dieser konstruierten Form gebe es ihn schlicht und einfach nicht.

Dieser Dialog war unglaublich spannend und die Ergebnisse in der Diskussion mit dem Plenum zeigten, dass nicht die theoretische Relevanz des „Arbeitskraftunternehmers“ für die Geschlechter- und Arbeitsforschung in Frage gestellt wurde. Das wäre auch kaum möglich gewesen, denn Voss wies sehr deutlich darauf hin, dass dieser Begriff die eingefahrene Debatte der Industriesoziologie in einem ungeahnten Maße belebt habe. Am Ende offenbarte sich jedoch eher das alte Spannungsverhältnis von Theorie und Empirie in der Soziologie, was die Frage nach der Relevanz von Geschlecht weitgehend hintanstellte.

4     Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Arbeitsgesellschaft“

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden noch einmal die unterschiedlichen Standpunkte der zwei Sektionen deutlich. Dieter Sauer (Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung,, München) sah in der Auflösung traditioneller Arbeitsstrukturen nicht das Ende der Arbeitsgesellschaft. Vielmehr zeige sich in der Krise die kontinuierlich hohe Bedeutung der Erwerbsarbeit. Klaus Dörre (Universität Jena) wies darauf hin, dass die „Zukunft der Arbeit“ durch hohe Arbeitslosigkeit geprägt sei und in erster Linie zunehmende soziale Unsicherheit und eine Prekarisierung auch der männlichen Arbeitnehmerschaft nach sich zöge. [1] Er forderte, diesem neuen Ausmaß an Prekarisierung zu begegnen, da diese Entwicklungen mit hohen psychologischen Belastungen vor allem für Männer verbunden wären. Beide folgten einem eher marxistisch geprägten Theorieansatz und kritisierten das ungebrochen ökonomische Primat. Sie konstatierten, dass die aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, zu neuen, für Frauen und Männer gleichermaßen starken Auswirkungen führen würden.

Demgegenüber vertraten Regina Becker-Schmidt (ehemals Universität Hannover) und Ingrid Kurz-Scherf (Universität Marburg) einen radikalen Perspektivenwechsel und verwiesen auf die theoretischen Ergebnisse der Frauenforschung schon in den 1970er und 1980er Jahren, die damals schon die heute aktuellen Themen bearbeitet hätten – allerdings mit dem Unterschied, dass heute Ausgrenzungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt auch Männer erreichen würden. Becker-Schmidt forderte vor diesem Hintergrund vehement von der Geschlechterforschung, nicht zu sehr auf Harmonisierung zu setzen. Vielmehr müsse sichtbar gemacht werden, welchen Beitrag beide Geschlechter für die gesellschaftliche Arbeit leisteten und wie die Erwerbsarbeit zur privaten Lebensführung in Beziehung gesetzt werde. Arbeit müsse als Ensemble aus Sorgetätigkeiten, Erwerbsarbeit, Engagement und Eigenarbeit verstanden werden. Becker-Schmidt wies insbesondere auf fortbestehende Geschlechterdifferenzen hin, die sich darin äußerten, dass Frauen weiterhin den Großteil an unbezahlter Familien- und Engagementtätigkeit übernähmen. Obgleich völlig aus dem Forscherblick gekommen, seien doch gerade die konkreten Lebensbedingungen in der Lebenswelt zentral für eine Gesamtbewertung. Worin bestehe die „vollständige Erschöpfung“ derjenigen Personen, die pausenlos zwischen Arbeits- und Lebenswelt hin und her pendelten? Was verändere sich in der Lebenswelt derzeit, dass ihre Attraktivität so nachlasse? Worin bestehe die kulturelle Abwertung dieser Tätigkeiten? Sie monierte scharf, dass es gegenwärtig keine Forschung zu diesen Fragestellungen gäbe.

Kurz-Scherf machte in ihrem Beitrag deutlich, dass die Orientierung am gegenwärtigen Erwerbsarbeitstypus eine derart hohe normativer Ausstrahlung und Kraft besitze, dass kein Nachdenken über andersartige Arbeitsformen mehr stattfinde. Auch sie übte Kritik am arbeits- und industriesoziologischen Diskurs, der diesen Perspektivwechsel nicht vornähme, sondern in der alten Debatte um Arbeit in der Industriegesellschaft feststecke.

5     Fazit

Während der Diskussionen auf der Tagung zeigte sich, dass der Austausch zwischen beiden Diskussionssträngen sehr bereichernd für beide Seiten sein kann. Es ist jedoch zu bemerken, dass bisher lediglich aktuelle Diskurse Gegenstand des Austauschs sind. Demgegenüber werden weite Teile der Erkenntnisse und Forschungsergebnisse der Geschlechterforschung ausgeblendet. Insbesondere fehlt die Rückkopplung von Forschungsergebnissen aus der Reproduktionssphäre an die Erwerbssphäre, worauf Becker-Schmidt hinwies. Hier besteht ebenso wie in der Etablierung einer gemeinsamen Kommunikationskultur weiterer Annäherungsbedarf. So bestätigten sich während der Diskussionen bisweilen alte Vorurteile und die Forderung nach Dialog überstieg mitunter die eigene Dialogbereitschaft. Darüber hinaus fiel die Selektion der behandelten Themen ins Auge. In den Vorträgen wurde fast ausschließlich das bestehende, in Deutschland gängige Erwerbsarbeitsverhältnis untersucht. Davon abweichende Themenstellungen gerieten aus dem Blick -, wie beispielsweise Beiträge zu den prekären Folgen globalisierter Arbeitsteilung in Deutschland oder zum Verhältnis der genannten Reproduktions- und Erwerbsarbeitssphäre.

Insgesamt zeigte die Tagung, dass die Antworten der beiden Diskussionsrichtungen auf die eingangs gestellten Fragen inzwischen viel weniger weit auseinander liegen als noch vor einigen Jahren: Erwerbsarbeit wird für die Einzelne und den Einzelnen immer wichtiger und bestimmt zunehmend die gesellschaftliche Anerkennung. Demgegenüber treten Tätigkeiten aus der Reproduktionssphäre zunehmend in den Hintergrund. So werden Aufgaben, die traditionellerweise in der Reproduktionssphäre erledigt wurden, in den Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen ausgelagert. Dementsprechend verschieben sich die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Alltagleben und neue Fragen entstehen hinsichtlich der Ausgestaltung und gesellschaftlichen Bewertung dieser Dienstleistungstätigkeiten. Deutlich wurde aber darüber hinaus, dass die Beschäftigung mit dem „Leben“ neben der Arbeit erst diese umfassende Aufmerksamkeit bekommt, seit das Themenfeld von der „klassischen“ Arbeits- und Industriesoziologie entdeckt wurde.


Anmerkung

[1] Unter „Prekarisierung“ wird in der Soziologie die deutliche Zunahme prekärer Arbeitsbeziehungen (niedriger Lohn, befristete Arbeitsverträge etc.) verstanden, die alle Gruppen von Arbeitnehmern in spätmodernen Gesellschaften ergreift und nicht nur ökonomische, sondern auch erhebliche soziale und psychische Effekte hervorruft (Anm. d. Red).

Erstellt am: 17.08.2006 - Letzte Änderung am: 07.09.2011 - Kommentare an: E-Mail an dieTATuP-Redaktion