TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG – Theorie und Praxis
Herausgeber: Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Nr. 2, 16. Jahrgang - Juni 2007, S. 4-12


Schwerpunkt: Wandel der Arbeit

Die Krise der Arbeitsgesellschaft

Eine Einführung von Bettina-Johanna Krings, ITAS

    „Dass es sich bei dem Begriff der Arbeit um eine gesellschaftliche Schlüsselkategorie handelt, deren Veränderung alle Institutionen, Organisationsprinzipien, Beziehungsstrukturen und Wertorientierungen berührt, mag ein entscheidender Grund dafür sein, dass schnelle und phantasielose Eingriffe pragmatischen Zuschnitts wirkungslos bleiben. Nötig wären radikale Wandlungen, aber diese sind offenbar mit tief sitzenden Ängsten verknüpft.“

(Oskar Negt 2001, S. 25)

1     Einleitung

Der im Jahre 1982 durchgeführte 21. Deutschen Soziologentag in Bamberg mit dem Titel „Krise der Arbeitsgesellschaft?“ wurde sicherlich bewusst mit einem Fragezeichen versehen. Unter dem Eindruck von 2,4 Millionen (statistisch erfassten) Arbeitslosen in Westdeutschland wurde zwar in den Debatten ein Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft prognostiziert, die Abhängigkeit der Arbeitslosigkeit von den Gesetzen von Konjunktur und Rezension wurde jedoch noch nicht ernsthaft in Frage gestellt (Matthes 1982; Dahrendorf 1983; Negt 2001). Insgesamt basierten die Verhandlungen des Soziologentages auf der Kategorie „Arbeit als Erwerbsarbeit“, also formal organisierte Arbeit, die unter dem Einfluss rasanter technischer Innovationen, steigender Produktivität sowie ansteigendem internationalen Konkurrenzdruck in den entwickelten Industriegesellschaften für wachsende Teile der Erwerbstätigen als sichere und verfügbare Lebensgrundlage schwand.

Die politische Antwort auf die Arbeitslosigkeit, die in diesen Jahren die öffentliche Diskussion beherrschte, lässt sich als angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (Steuerermäßigungen, Kürzungen der öffentlichen Haushalte, Deregulierung der Wirtschaft) gekoppelt mit einer aktiven Beschäftigungspolitik (öffentlich finanzierte Schaffung von Arbeitsplätzen, Reduktion der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, Modelle der Frühverrentung etc.) beschreiben. Das dahinter stehende Konzept wurde auf dem Soziologentag ausgesprochen kritisch diskutiert, wobei hier die Bewertungen gemäß der theoretischen und ideologischen Verortung konvergierten.

Wirft man einen Blick auf die gesellschaftliche Diagnose im Rahmen des Kongresses, so fallen in der Fülle der Beiträge drei Tendenzen auf:

Seit den „Verhandlungen“ des Bamberger Soziologentages ist inzwischen ein Vierteljahrhundert vergangen und es erstaunt auf der einen Seite, wie wenig die dort verhandelten Themen ihre Aktualität eingebüßt haben. Auf der anderen Seite weisen die geopolitischen Ereignisse wie beispielsweise das Ende des Ost-West-Konfliktes, der fortlaufende Einsatz technologischer Innovationen sowie das Festhalten an traditionellen politischen Lösungsstrategien auf Entwicklungen hin, deren weit reichende Relevanz für die heutigen Arbeitsstrukturen damals kaum abzuschätzen war.

Angesichts sich verdichtender sozialer Probleme weltweit gerät Erwerbsarbeit als Kategorie des sozialen Wandels wieder vermehrt ins Blickfeld. Gleichsam ist sie – ähnlich wie vielleicht die Klimathematik – von vielschichtigen gesellschaftlichen und sozialen Phänomenen nicht mehr loszulösen.

Der folgende Themenschwerpunkt stellt sich der Aufgabe, diese Komplexität darzustellen und das Thema „Erwerbsarbeit“ aus sehr unterschiedlichen Forschungskontexten und Zusammenhängen heraus zu untersuchen. Hierbei wird die Frage nach dem Wandel der Arbeit mittels der oben identifizierten Themen (Informatisierung der Arbeit, gesellschaftliche Bedeutung der Erwerbsarbeit, Erwerbsarbeit und lebendiges Arbeitsvermögen) ausgelotet. Während Anfang der 1980er Jahre jedoch noch der Krisencharakter der Arbeitsgesellschaften vor dem Hintergrund theoretischer Traditionen in Frage gestellt wurde, spitzt sich die sozialwissenschaftliche Diagnose der heutigen Arbeitsmarktsituation inzwischen eindeutig in Richtung einer „neuen sozialen Frage“ zu (Land, Willisch 2006; Bude 2006; Negt 2001).

Eindeutig scheint, dass das Dreieck „Markt / Betrieb – Familie / Haushalt – Öffentlichkeit / Staat“ aufbricht, das einige Jahrzehnte eine gewisse Stabilität bewies, (Kocka, Offe 2000, S. 12). [2] Eindeutig scheint auch der ungebrochene Einfluss technologischer Entwicklungen auf Arbeitsstrukturen zu sein. Eindeutig scheint weiterhin zu sein, dass Erwerbsarbeit als Norm und Realität zentral für die Kultur und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist und bleibt.

Diese Gewissheiten sprengen alte Denkkategorien, über die vor 25 Jahren noch ‚verhandelt' wurden. Gleichzeitig fehlen heutzutage Entwürfe und Utopien, die „den Ausgleich zwischen den unverzichtbaren Rechten des / der Einzelnen und den unabweisbaren Ansprüchen eines solidarischen ‚Ganzen' im Medium der säkularisierten Vernunft sucht, ohne den Spannungsbezug aufzuheben“ (Saage, zit. n.: Freytag, Hawel 2004, S. 27). Es scheint, als würde sich das Ganze stark an der globalen Kapitalentwicklung orientieren und weniger an den Bedürfnissen eines solidarischen Ganzen. Obgleich es nicht abgemacht war, widmen sich alle Beiträge in diesem Schwerpunkt diesem Spannungsfeld und leisten auf diese Weise einen wichtigen Beitrag, weiterführende Perspektiven über die Bedeutung gesellschaftlicher Arbeit zu eröffnen.

2     Informatisierung der Arbeit

Während zu Beginn der 1980er Jahre noch die Hoffnung ausgesprochen wurde, dass die Ausdehnung des Dienstleistungsbereichs die im industriellen Sektor durch Rationalisierungsprozesse freigesetzten Arbeitskräfte aufnehmen könne, so hat sich diese Hoffnung kaum erfüllt. Bewahrheitet hat sich jedoch die Vorstellung, dass die rasante Informatisierung der Arbeit als informationstechnisch gestützte Tätigkeiten einen tief greifenden Strukturwandel herbeiführen könne (Baethge 1983; Gershuny 1983), der alle Sektoren über kurz oder lang durchdringt. [3]

So hat sich „neben der materiell-stofflichen Ebene, über die nach wie vor der ‚Stoffwechsel mit der Natur' (Marx) bewerkstelligt wird, eine zweite Bezugsebene der Produktionsprozesse entwickelt, die der informatisierten Informationen“ (Boes, Pfeiffer 2006, S. 23). Diese zweite Bezugsebene entstand schon sehr früh im produzierenden Sektor. Beispielhaft verlief etwa im Maschinenbau historisch die Umwandlung des betrieblichen Informationssystems von „unten“ nach „oben“, d. h. von der Computerisierung der Steuerungs- und Kontrollvorgänge in den materiellen Bereichen der Teilefertigung bis zur Computerisierung der Informationsverarbeitung der vorgelagerten immateriellen Arbeit in den technischen Büros. [4] Diese bilden ihrerseits den Ort, „wo die Verwissenschaftlichung der Arbeitsprozesse vorangetrieben wird, um deren Steuerung und Kontrolle von hier aus mit zunehmender Effizienz bewerkstelligen zu können. So werden Informationen für eine zunehmende Zahl von Beschäftigten zum eigentlichen Gegenstand ihrer Arbeit“ (Boes, Pfeiffer 2006, S. 23).

Heute sind der größte Teil der informationsgestützten Tätigkeiten und damit der sog. Dienstleistungssektor direkt und indirekt auf die industrielle Güterproduktion bezogen. Diese beinhalten eine Fülle von Tätigkeiten, die als „produktionsnahe Dienstleistungen“ („producer services“) beschrieben werden können (Schmiede 1996, S. 112). Die Zunahme von Beschäftigung und Berufen in diesem Bereich kann hierbei maßgeblich auf die Fortentwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zurückgeführt werden, die sich nach wie vor in vielen Branchen vollzieht. Die vielfältigen Funktionen der Information und der Organisation, der Planung und der Prognoseverfahren, aber auch der Verwaltung und des Managements basieren auf darauf spezialisierten Tätigkeitsbereichen und verweisen insgesamt auf das starke Anwachsen von sog. „wissensbasierten“ Tätigkeiten in fortgeschrittenen industriellen Gesellschaften (Kocyba sowie Nierling, Bechmann in diesem Heft). Dieser Anstieg informatisierter oder wissensbasierter Arbeitsprofile spiegelt sich auch in der fortschreitenden Organisation internationaler Arbeitsteilung.

Durch die Ausweitung globaler Handelsnetze sowie den Anstieg des internationalen Handelsvolumens haben sich die Investitionstätigkeiten in diese Produktionsketten massiv verändert, so dass den Finanzinstituten und Versicherungen eine immer größere Rolle sowohl in der Gestaltung von (globalen) Wertschöpfungsketten als auch im Hinblick auf die Beschäftigungsformen zukommt (vgl. Ramioul in diesem Band; Schmiede 1996; Schumann 1996).

Im traditionellen Produktionssektor sind diese Prozesse in die Debatten um Produktionsmodelle eingebunden, die sich zwischen den Polen „tayloristische Arbeitsteilung“ und „Neue Produktionskonzepte“ bewegen (Kern, Schuhmann 1984). [5] Obgleich sich diese Produktionskonzepte innerhalb der Wirtschaftssektoren teilweise sehr stark unterscheiden, kreisen sie in der Regel einerseits um die Einführung neuer Technologien und andererseits um die Umgestaltung der Arbeitsorganisation. Beispielhaft geht es immer darum, Aufgabengebiete fallen zu lassen oder neu zuzuordnen, die Beschäftigten vermehrt auszulasten und deren Motivations- und Leistungspotenziale zu mobilisieren oder aber repetitive Tätigkeiten auszuweiten. Konzepte der Teilautonomie und des „job enrichment“ beinhalten darüber hinaus veränderte Qualifikationsanforderungen sowie ein größeres Maß an Selbstverantwortung im Arbeitskontext (Moniz in diesem Band; Schumann et. al. 1994; Zink 1995). Die Zunahme wissensbasierter Tätigkeiten spielt auch hier eine immer bedeutsamere Rolle (Nierling, Bechmann in diesem Heft).

Freilich werden im Rahmen aller Tätigkeitsbereiche diese Prozesse immer vor der Prämisse der Kostensenkung innerhalb der Betriebe, bzw. der Produktivitätssteigerungen bewertet, was für die ‚Ware Arbeitskraft' bedeutet, dass sich der Druck auf die Löhne und Gehälter bzw. auf die Sozialabgaben erhöht und die Leistungsanforderungen im Rahmen der Beschäftigung kontinuierlich steigen (Springer 1998).

3     Die gesellschaftliche Bedeutung der Kategorie ‚Erwerbsarbeit'

Im Rahmen der „Verhandlungen“ verwiesen die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren auf die historisch steigende Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Kategorie „Lebenswelt“ (Habermas), die als Strukturprinzip moderner Gesellschaften die hohe gesellschaftliche Relevanz der Kategorie Erwerbsarbeit ablösen würde. Unter dem Eindruck wirtschaftspolitischer Daten schien es zu Beginn der 1980er Jahre realistisch, mit einem weiteren Absinken der durchschnittlichen Erwerbsarbeitszeit zu rechnen. Darüber hinaus wurden alternative Lebens- und Arbeitsmodelle wie „Eigenarbeit“, „neue Selbstständigkeit“ und Formen der „Selbsthilfe“ als Gegenentwurf zur klassischen Erwerbssphäre beobachtet, die die gesellschaftliche Entwicklung um zivilgesellschaftliche Elemente bereicherten. [6]

Bewahrheitet hat sich bis heute die Beobachtung, dass das Modell des Normalarbeitsverhältnisses zugunsten neuer Arbeitsformen „erodiert“ ist, d. h. institutionelle und standardisierte Rahmenbedingungen von Arbeit werden mehr und mehr zur Disposition gestellt. Diese führen jedoch nicht zwangsläufig zu einer zivilgesellschaftlichen Suchbewegung, sondern im Gegenteil kann ein Erstarken der normativen Kraft des Konzeptes der Erwerbsarbeit als materielle, aber auch als sinnstiftende Lebensbasis beobachtet werden.

Neben dem stetig wachsenden Anstieg weiblicher Beschäftigter in qualifizierten Arbeitsbereichen [7] wirken seit spätestens Beginn der 1990er Jahre die moderne Kommunikationsrevolution sowie die rasante Globalisierung der Kapital- und Produktionsströme auf die Arbeitsverläufe ein und beginnen diese zu flexibilisieren und zu fragmentieren (Flecker sowie Ramioul in diesem Heft). Den Erwerbstätigen wird zunehmend mehr „Flexibilität“, d. h. ein unternehmerisches, auf rasch wechselnde Erwerbschancen anpassungsbereites Verhalten zu ihrer Arbeitsumwelt, aber auch zu sich selbst abverlangt (Voß, Pongratz 1998). In der arbeitssoziologischen Literatur wurden diese Entwicklungen mit dem Begriff der „Entgrenzung“ beschrieben (Honegger et. al. 1999; Minssen 1999; Kratzer 2003; Gottschall, Voß 2005).

Die These der Entgrenzung der Arbeit wird hierbei als offenes Erklärungskonzept für die Auflösung jener Grenzziehungen verwendet, die für die betriebliche (fordistische) Organisation von Arbeit konstitutiv und strukturprägend waren. Mit Kratzer (2003, S. 23) lässt sich die Entgrenzung der Arbeit auf folgende Dimensionen zuspitzen:

Wenn im Rahmen der „Verhandlungen“ in Bamberg noch die Möglichkeit ausgeschlossen wurde, wissensbasierte Tätigkeitsfelder zu „normieren“, so wurden über die beiden organisatorischen Instrumente der Selbstorganisation und der Flexibilisierung höchst effektive Rahmenbedingungen geschaffen, um die Nutzung der Arbeitskraft zu kontrollieren und zu steigern. Sie verweisen auf zentrale Veränderungsmomente von Erwerbsarbeit, die im Zuge der Entgrenzung enorme soziale und kulturelle Auswirkungen in hoch entwickelten Industriestaaten entfaltet haben.

Während die fortlaufende Entgrenzung der Nutzung der Arbeitskraft zwischen technischen Systemen und den Menschen in unterschiedlichen Berufsprofilen wenig erforscht wurde, haben sich wissenschaftliche Topoi im Rahmen der Entgrenzung durch die Re-Organisation von Arbeit gebildet. So gilt beispielsweise die Zunahme der Entgrenzung der Arbeitswelt vor allem in qualifizierten Sektoren als ein Indikator für den demographischen Wandel, für das Aufbrechen von traditionellen Rollenzuschreibungen besonders von weiblichen Beschäftigen als auch für die Zunahme psychischer Krankheiten durch Stress und Leistungsdruck (Hochschild 2006; Krings 2007; Gottschall; Voß 2005). [8]

Anfang der 1980er Jahre wurde mit Blick auf sinkende Arbeitszeiten noch über das „Ende der Erwerbsarbeit“ nachgedacht. Durch den enormen Druck, den die wirtschaftliche Globalisierung auf die Arbeitskraft in nahezu allen Branchen ausgelöst hat sowie die steigenden Zahlen der Arbeitslosigkeit auch in qualifizierten Sektoren, stieg die normative Orientierung am Konzept der Erwerbsarbeit wieder stark an. Als materielle Grundlage gilt sie heutzutage nicht nur als alternativloser Lebensentwurf, um das Überleben und Wohlergehen zu sichern. Auch in Hinblick auf das subjektive Selbstverständnis, die Anerkennung und die gesellschaftliche Einbindung von Männern und Frauen spielt sie eine zentrale Rolle im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung.

4     Erwerbsarbeit und lebendiges Arbeitsvermögen

Immer, wenn die „Krise der Arbeit“ verhandelt wird, ist eigentlich von dem Konzept der Erwerbsarbeit die Rede. Dies ist auch in den „Verhandlungen“ des Soziologentages 1982 zusehen, bei denen zumindest die Hauptbeiträge eine Verengung des Arbeitsbegriffs vornehmen. Arbeit, die wie „Familienarbeit“, „Fürsorgearbeit“ und „ehrenamtliche Arbeit“ nicht bezahlt wird, erscheint nicht als Arbeit oder zumindest nicht als richtige Arbeit (Becker-Schmidt, Knapp 1995; Gottschall 2000). Diese Beobachtung scheint – zumindest in der öffentlichen Debatte – weiterhin Gültigkeit zu haben. Was jedoch Anfang der 1980er Jahre unterschätzt wurde, ist die schleichende „feministische Aufkündigung der herkömmlichen Geschlechterordnung“ (Hausen 2000, S. 344). [9]

Die „Krise des Haushaltsstaates“ (Ostner, Willms 1983) scheint so nicht mehr nur ein Problem von Frauen zu sein. Die Erwerbsarbeit wird zu einem knappem Gut, durch Privatisierung und „Verschlankung“ auch des öffentlichen Sektors werden Arbeitnehmerrechte in Frage gestellt und „sichere“ Erwerbsarbeitsplätze dem Wettbewerb geopfert. Die Ursachen sozialer Ungleichheit sind somit komplexer geworden. Angesichts der Unsicherheiten auf den Arbeitsmärkten liegen auf der einen Seite wichtige Demarkationslinien nicht mehr nur innerhalb des Systems der Erwerbsarbeit, sondern auch im Zugang oder im Ausschluss aus diesem System (Gottschall 2000). In den letzten Jahren wuchs die Zahl von Frauen und Männern in Arbeitslosigkeit oder in prekären Arbeitsverhältnissen, was zu einer hohen Jugend- und Kinderarmut in Deutschland führte (Böhnke 2006).

Auf der anderen Seite hat „die höchst disponibel und flexibel in Familien- und Erwerbsarbeit eingesetzte Arbeitskraft von Frauen in erheblichem Umfang dazu beigetragen, die Erwerbsarbeit sozialstaatlich zu stützen“ (Hausen 2000, S. 353). Dieses Modell ist nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen europäischen Ländern brüchig geworden!

Was sich schon jetzt empirisch abzeichnet ist, dass sich die für den Wohlfahrtsstaat charakteristische Vielzahl der Fürsorgearbeiten im weitesten Sinne langfristig verändert. Dies gilt insbesondere für jene Arbeiten, die innerhalb der Familie erbracht werden, wie die Pflege von alten Menschen sowie die vielfältige Betreuung von Kindern und Jugendlichen (Becker-Schmidt 2002).

Dies gilt jedoch auch für jene Tätigkeiten, die ein hohes Qualifikationsniveau voraussetzen. Dazu gehören beispielsweise Erziehungsaufgaben, aber auch die Pflege und Betreuung von Behinderten, die zwar bereits über den Markt vermittelt, aber immer noch von Frauen zu „Niedrigpreisen“ geleistet werden. Es ist langfristig absehbar, dass sich die Nachfrage nach Dienstleistungen aller Art weiter steigen wird und die Arbeitskräfte, die aus Niedriglohnländern zur Hilfe geholt werden, diese Nachfrage nur teilweise befriedigen können (Dimova in diesem Heft; Becker-Schmidt 2002; Rerrich 2006). Im Zuge dieser Restrukturierungen der Arbeitswelt können deshalb zwei Tendenzen ausgemacht werden:

  1. Die hohe Unsicherheit der Erwerbsarbeit führt zum einen zu einer steigenden Informalisierung der Erwerbsstrukturen mit teilweiser Prekarisierung des Erwerbslebens. Die aktuellen Debatten um Leiharbeit, den Ausbau des Niedriglohnsektors oder der selbstorganisierten Erwerbsarbeit zeugen in ihrem Kern von der politischen Deregulierung von Arbeitsmärkten (Mahnkopf, Altvater 2004).
  2. Der Prozess der Einflussnahme der marktvermittelten Arbeit auf die materielle und soziale Umwelt des Menschen setzt sich fort. Tätigkeiten des Herstellens, der Kreativität und der Eigenarbeit sowie gemeinschaftliche Aktivitäten werden zurückgedrängt zugunsten eines Lohnarbeitsmodells mit einem quasi „totalitären Charakter“ (Bennholdt-Thomsen 2007). Dies zeigt sich besonders dort, wo Menschen keine Erwerbsarbeit haben. Formen der Selbstachtung und der sozialen Anerkennung im friedlichen Umgang miteinander sind nach wie vor in zentraler Weise mit dem Wesensgehalt von Erwerbsarbeit verknüpft (Negt 2001; Gorz 2004). [10]

Die kategoriale Trennung von Erwerbsarbeit und Arbeit als eine schöpferische und ganzheitliche Tätigkeit, die als Grundlage und Voraussetzung menschlicher Arbeitskraft per se gilt, wird auch in der industriesoziologischen Literatur zunehmend kritisiert (Kocka, Offe 2000; Freytag, Hawel 2004; Baier et. al. 2005). Die Aufgabe dieser Trennung würde deshalb beinhalten, dass ein großer Teil des gesellschaftlich real geleisteten Arbeitsvolumens normativ anerkannt, materiell aufgewertet und aus der marktvermittelten Verwendung herausgenommen wird. Langfristig geht es darum anzuerkennen, dass es „ohne Menschen keine Wirtschaft“ gibt (Baier et. al. 2005) bzw. dass jede Wirtschaft auf der Reproduktionsfähigkeit ihrer Gesellschaft angewiesen ist. So lenkt die Krise der Arbeitsgesellschaft die Aufmerksamkeit auf neue Arbeitsformen als die Reichtümer, die allem Wirtschaften primär zugrunde liegen, die „von keiner Industrie erzeugbar, mit keinem Geld kaufbar, in kein Äquivalent tauschbar, aus den natürlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten, den natürlichen Formen von Leben, den menschlichen Fähigkeiten und der Lebensfreude bestehen“ (Gorz 2004, S 36).

5     Fazit

Eher in unsystematischer und spielerischer Weise wurde mit Hilfe einer historischen Gegenüberstellung von Debatten in dieser Einführung der Versuch unternommen, den Wandel der Erwerbsarbeit und seine Bedeutung für den Arbeitsbegriff für das letzte Vierteljahrhundert darzustellen. Obgleich in den „Verhandlungen“ des Soziologentages 1982 der Krisencharakter der Arbeitsgesellschaft hinterfragt und diskutiert wurde, wird er als normatives Leitmotiv für die Einführung in den Schwerpunkt herangezogen.

Die Gegenüberstellung der damals geleisteten Diagnose mit aktuellen Entwicklungen hat gezeigt, wie sehr Faktoren wie neue Technologien und geo-politische Ereignisse, aber auch die Beharrlichkeit politischer Strategien auf die Entwicklungsmuster einwirkten. Vor diesem Hintergrund stellte sich die Prognosefähigkeit als schwach heraus. Auf der anderen Seite wurden aber auch schon im Rahmen der „Verhandlungen“ des Soziologentages 1982 Konfliktpotenziale der Arbeitsgesellschaft diskutiert, die sich mit der „entgrenzten“ Situation von Arbeitsmärkten und Arbeitsstrukturen, aber auch mit „alten / neuen“ sozialen Problemen auseinandersetzen.

Die Entgrenzung der Erwerbsarbeit als Beschreibung für den „gesellschaftlichen Wandel“ macht deutlich, wie sehr Arbeit als gesellschaftliche Kategorie von allen gesellschaftlichen Bereichen durchdrungen ist. Und umgekehrt wirken alle gesellschaftlichen Bereiche auf die menschliche Arbeit als „vita activa“ (Ahrendt) ein. Dieses Wechselverhältnis wird immer Gegenstand von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen sein.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Arbeitskontexten beschäftigen sich alle Beiträge des vorliegenden Schwerpunktes mit dem Wandel der Arbeit. Wie eingangs schon erwähnt, verorten sich alle Autorinnen und Autorinnen in kategorialen und inhaltlichen Spannungsfeldern, die es ermöglichen, Übergänge des Wandels zu identifizieren. Hierbei wird deutlich, dass zum einen eine kritische Analyse dieser Spannungsfelder, zum anderen gesellschaftliche Aushandlungsprozesse notwendig sind, um neue und zukunftsfähige Arbeitsmodelle ausloten zu können. Hierbei zeigt sich, dass der Arbeitsbegriff theoretisch und empirisch in unterschiedliche Themenfelder eingebettet ist und nicht mehr nur unter arbeitssoziologischen Aspekten behandelt werden sollte.

Ich möchte mich bei allen Autorinnen und Autoren sehr herzlich für die Bereitschaft und das Engagement bedanken, in unüblich kurzer Zeit, einen Beitrag für diesen Schwerpunkt zu leisten. Außerdem danke ich herzlich Peter Hocke für unsere Zusammenarbeit und seine konstruktiven Diskussionsbeiträge.


Anmerkungen

[1] Ostner, Willms 1983, S. 219; siehe auch Becker-Schmidt 1983.

[2] Dieses Dreieck manifestierte sich in Westdeutschland in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Aus dem Arbeitskonsens der beiden Volksparteien entwickelte sich die Vorstellung einer „Arbeitnehmergesellschaft“ (Lepsius), die eine kapitalistische Angebotsdynamik mit einer universalistischen Anrechtsordnung in Einklang brachte. Der westdeutsche Modernisierungspfad zeichnete sich so durch eine an der Produktivitätsentwicklung ausgerichtete Entlohnung, einer weitgehend sozialen Sicherung und eine auf Ausgleich zielende Organisation der industriellen Beziehungen aus. Alle drei Aspekte basierten auf der institutionellen Verankerung der Erwerbsarbeit (Bude 2000).

[3] Die Entwicklung einer „Informationsgesellschaft“ ist besonders bei den englischen Soziologen Miles und Gershuny als „Marsch durch die Sektoren“ formuliert. Der ökonomische, soziale und politische Fortschritt entstehe als vierter Sektor, der durch Informationsarbeit gekennzeichnet werden kann (Miles, Gershuny 1986, S. 18). Im Rahmen um die Debatten zur Dienstleistungsgesellschaft wurde die Entstehung eines vierten Sektors kontrovers diskutiert. Diese Kontroversen weisen in der Regel auf die Schwierigkeit der Trennschärfe zwischen den Sektoren hin, was sich schon an der empirischen Schwierigkeit zeigt, Berufs- und Tätigkeitsarten in den entsprechenden Sektoren unterzubringen. Vor allem informationsgestützte oder „wissensbasierte“ Tätigkeiten liegen häufig quer zu den Sektoren (Schmiede 1996).

[4] Manske et. al. 1994; Böhle, Milkau 1988; Schmiede 1989. – Die Computerisierung des Produktionssektors ist ein weites Feld, das schon auf Arbeiten in den 1960er Jahren zurückgeht. Die Einführung unterschiedlichster Systeme (wie beispielsweise die CNC-Technik sowie die PPC- und CAD-Systeme) haben zu einer besonderen Qualität der Arbeitsweisen geführt. So ermöglichen es diese Computersysteme, „stoffliche Momente betrieblicher Produktion in abstrakte Funktionszusammenhänge umzusetzen und damit Teilmomente des betrieblichen Ablaufs auf einer abstrakten symbolischen Ebene zu vereinheitlichen und flexibel zu verknüpfen“ (Altmann et. al., zit. n. Manske et. al. 1994, S. 178). Auf diese Weise kann die Vorstellung von einer Dichotomie zwischen der stofflichen und der nichtstofflichen Ebene im produzierenden Sektor kaum mehr aufrechterhalten werden.

[5] Während noch Mitte der 1990er Jahre der Eindruck entstehen konnte, dass der Mainstream fremdbestimmter Rationalisierung und tayloristischer Arbeitsteilung zum Stillstand gekommen sei, so zeichnen sich seit einiger Zeit in Deutschland wieder nicht-partizipative Strömungen vor allem in der Automobilindustrie ab. Es wird eine Re-Taylorisierung der Arbeit vermutet, was zweierlei meint: „zum einen die Rückverlagerung von arbeitsorganisatorischen Planungs-, Gestaltungs- und Optimierungskompetenzen auf inner- und außerbetriebliche Rationalisierungsspezialisten (Industrial Engineering, Berater), zum anderen eine forcierte Standardisierung der Arbeitsabläufe, vor allem in den personalintensiven Fahrzeugmontagen, wo die Unternehmen wieder vollständig zum Fließprinzip und zu kurzen Arbeitszyklen zurückkehren“ (Springer 1998, S. 34).

[6] Obgleich Offe den empirischen Befund eines wachsenden zivilgesellschaftlichen Bereichs in fortgeschrittenen industriellen Gesellschaften darstellt, bezweifelt er deren Relevanz für die soziologische Theoriebildung (Offe 1983, S. 59 ff.; vgl. auch Baethge 1983).

[7] Vor allem durch den Anstieg weiblicher Beschäftigung in qualifizierten Arbeitsbereichen in Deutschland, aber auch in Europäischen Ländern wie Italien und Spanien erfuhr die Bedeutung der Erwerbsarbeit in den letzten zwei Jahrzehnten eine enorme soziale Aufwertung, was kulturell sehr große Auswirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen hat (Kahlert, Kajatin 2004; Krings 2003).

[8] Die Zahl der psychisch Kranken mit Angstphobien und Depressionszuständen steigt, laut unterschiedlicher wissenschaftlicher Untersuchungen, stetig an. „Therapeuten und Ärzte sind sich sicher, dass die Zahl der sozialen Phobien in naher Zukunft wachsen wird. Im Arbeitsalltag wird vom Einzelnen erwartet, dass er sich in Teams integriert, dass er Vorträge hält, an der Flip-Chart steht, wie selbstverständlich dem Druck standhält, die eigene Kompetenz und das eigene Ich permanent unter Beweis zu stellen. Wer weiß, dass er zur Selbstdarstellung nicht geboren ist, wird bereits allein durch die allgemeine Erwartungshaltung bereits Angst vor dem Scheitern haben.“ (Schüle 2007, S. 19)

[9] Die strukturelle Machtasymmetrie auf Arbeitsmärkten zwischen Männern und Frauen ist seit vielen Jahrzehnten ein zentrales Thema der Frauen- und Genderforschung. Die historisch gewachsene „Ungleichheit der Geschlechter ist demnach eine im Prinzip alle gesellschaftlichen Bereiche (insbesondere Erwerbssystem und Staat, politische Öffentlichkeit und Kultur, Ehe und Familie) und sozialen Verhältnisse (insbesondere den Staatsbürgerstatus, die Erwerbsposition, die privaten Beziehungen der Geschlechter) prägende Struktur, die als gesellschaftlich bzw. sozial hergestellte Struktur“ wenig Eingang in den arbeitssoziologischen Mainstream gefunden (Gottschall 2000, S. 14).

[10] Oskar Negt beschreibt darüber hinaus einen inneren Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Gewalt. „ Arbeitslosigkeit ist ein Gewaltakt. Sie ist ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen. Sie ist Raub und Enteignung der Fähigkeiten und Eigenschaften, die innerhalb der Familie, der Schule und der Lehre in einem mühsamen und aufwendigen Bildungsprozess erworben wurden …“ (Negt 2001, S. 10)


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Kontakt

M.A. Bettina-Johanna Krings
Forschungszentrum Karlsruhe
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
76021 Karlsruhe
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 263 47
E-Mail: krings@itas.fzk.de
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Erstellt am: 02.07.2007 - Kommentare an: E-Mail an dieTATuP-Redaktion