|
TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG – Theorie und Praxis Herausgeber: Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
| Nr. 2, 17. Jahrgang - September 2008, S. 93-98 |
Wien, Österreich, 28. - 30. Mai 2008
Von Anna Schleisiek, unter Mitarbeit von Christian Dieckhoff, Torsten Fleischer, Peter Hocke-Bergler, Ulrich Riehm und Constanze Scherz, ITASDie dritte Konferenz des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA) war gleichzeitig die achte österreichische TA-Konferenz (TA’08) des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in Wien und fand vom 28. bis 30. Mai 2008 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien statt. Rund 120 Teilnehmer besuchten die Tagung „Technology Governance – Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung“.
Zentrale Themen von „Technology Governance“ sind Evolution, Gestaltung und Steuerung von Technik. Welche Akteure beeinflussen in welcher Weise und mit welchen Mitteln die Prozesse der Technikentwicklung, der Diffusion und der Nutzung? Wenn Technikfolgenabschätzung einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung des technischen Wandels leisten möchte, sei Technology Governance ein wichtiges Thema innerhalb der TA. Mehr noch, hier liege eine Herausforderung für die TA, so die Veranstalter: „Wie TA sich auf neue Herausforderungen einzustellen und einen möglichst effektiven Steuerungsbeitrag im Rahmen der Technology Governance zu leisten vermag, gilt es zu reflektieren.“
Die Frage nach der gesellschaftlichen Steuerbarkeit des technologischen Wandels wurde in zwei Eröffnungsvorträgen sowohl als normative als auch als analytische Herausforderung beschrieben. Franz Josef Radermacher (Universität Ulm) dankte zunächst den Konferenzteilnehmern, dass sie sich „diesem undankbaren Thema“ widmeten. Die Probleme der Globalisierung seien Folgen technischer Innovationsprozesse bei gleichzeitiger fehlender Innovation in der Governance. Sein anschaulich vorgetragener, zentraler Gedankengang zeichnete nach, wie technische Innovationen immer neu erfunden und zu Problemlösungen herangezogen würden, dabei aber zumeist eine bestimmte Einheit des Problems im Blick hätten: Baue man eine Umgehungsstraße, um den Verkehr zu entlasten, provoziere man mehr Verkehrsaufkommen (Rebound-Effekt). Diesen Effekt aufzulösen, bedürfe neuer Problemlösungsstrukturen, die nicht die Technologie, sondern eine supranational verstandene Governance in den Mittelpunkt stellt. Stefan Kuhlmann (University of Twente) analysierte in seinem Vortrag TA als konstruktivistisches und reflexives Konzept, das in technologische Innovationen eingreife und damit selbstverständlich zur Governance beitrage. Die systemischen Kräfte von TA seien jedoch schwer zu durchschauen, weshalb der Versuch, Technology Governance rational steuern zu wollen, misslingen müsse. Verstehe man Governance aber als eine Heuristik, die die Dynamik der Akteure und deren Foren kreativ nutze, könne eine „De-facto-Governance“ die Perspektiven der Praktiker, Theoretiker und Entscheidungsträger der Politik auf einem „Tanzboden“ zusammenbringen. Die lebhafte Diskussion im Anschluss bestätigte, dass den Veranstaltern die Auswahl der Keynote-Speaker gelungen war.
Mit der Doppelsession „TA Konzepte im Lichte von Governance“ wurden zu Beginn des zweiten Konferenztages konzeptionelle Aspekte betrachtet. Das Verhältnis zwischen Governance- und sozialwissenschaftlicher Technikforschung stand im Mittelpunkt des Vortrages von Stephan Bröchler (FernUniversität Hagen). Um sich den wichtigen Begriffen „Steuerung“ und „Koordination“ anzunähern, betonte er, dass neben dem normativen Verständnis von „good governance“ (und deren „Implementation“ in die TA) Governance auch als analytischesKonzept zu verstehen sei. Die Übernahme der Governance-Forschung durch TA bedeute entsprechend, nach dem (Nicht-)Funktionieren von Governance-Konzepten zu fragen. Allerdings sei – so Bröchler – festzuhalten, dass das hoheitliche Handeln staatlicher Akteure dabei ebenso wenig aus dem Blick geraten dürfe wie netzwerkgestützte Formen der Abstimmung und Entscheidungsfindung auf der Ebene gesellschaftlicher Selbststeuerung. Etwas unscharf blieb in der anschließenden Diskussion, wie sich durch Governance-Verfahren unterschiedliche Stakeholder in Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse so integrieren lassen, dass sich die angestrebte Steuerung und Kooperation substanziell gegenüber klassischen politischen Prozessen verändern.
Die Technikentwicklung fand schon immer über Prozesse statt, in die viele Akteure integriert waren, lautete eine zentrale These von Martin Meister (TU Berlin). In seinem Beitrag verknüpfte er die Diskussionen um „partizipative TA“ mit den Versuchen der „neuen Governance von Technik“ und stellte „Constructive TA“, wie sie vor allem in der niederländischen Schule weiterentwickelt wird, als Versuch dar, reflexive Schleifen in der Technikentwicklung zu etablieren. Dabei betonte er die Möglichkeit, innerhalb von Constructive TA diese Schleifen auch produktiv „auszubeuten“.
Armin Grunwald (ITAS Karlsruhe) griff den Aspekt hoheitlichen Handelns im Kontext von Technikentwicklung auf und setzte sich in seinem Beitrag mit der „parlamentarischen Technikfolgenabschätzung“ auseinander. Sein Kernargument lautete, dass bei aller Unabhängigkeit technischer Entwicklung im gesellschaftlichen Teilsystem der Wirtschaft immer wieder Problemlagen auftauchen, an denen demokratisch gefällte und kollektiv verbindliche Entscheidungen der Politik notwendig seien. Zulässige Emissionswerte wurden dafür als Beispiel genannt.
Den Ansatz „Rationale TA“, wie er an der Europäischen Akademie für Technikfolgenforschung (Bad Neuenahr-Ahrweiler) weiterentwickelt wird, stellte Stephan Lingner(Europäische Akademie) vor. Über das wissenschaftsgeleitete Vorgehen beim Erstellen von TA-Studien werde versucht, zeitlich robuste Aussagen zu erarbeiten. Durch diese sei es möglich, auch Überlappungen mit den Bereichen „Politik & Technik“ und „Öffentlichkeit & Technik“ herzustellen. Norbert Malanowski (VDI-Technologiezentrum Düsseldorf) zeichnete in einem deskriptiven Abriss die VDI-Aktivitäten nach, bei denen eine belastbare Verknüpfung von TA und wirtschaftlichen Aktivitäten das Ziel sei. Dabei gehe es immer auch um das systematische Fokussieren auf relevante Themen unter Einbezug der Stakeholder. Von besonderem Interesse sei dabei die Frage, wo die Chancen und Risiken bei neuen Technologien gesehen werden. Die frühe Thematisierung derselben eröffne die Möglichkeit, Innovation zu gestalten.
Die anschließende Session „Governance und Timing von TA“ wurde mit dem Vortrag „Science and Technology Governance durch antizipierende Gestaltung – Prospektive TA im Vergleich mit anderen TA-Konzepten“ von Wolfgang Liebert (IANUS, TU Darmstadt, zusammen mit Jan C. Schmidt, Georgia Tech) eingeleitet. Hier ging es um den „Darmstädter“ TA-Ansatz, der in aller Kürze ProTA genannt wird, wobei „Pro“ sowohl für die prospektive Perspektive als auch für die generell positive Bewertung des TA-Konzepts im Allgemeinen steht. ProTA versteht sich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zu den anderen TA-Konzepten. Die Darmstädter orientieren sich sehr stark an den frühen Phasen der Technikentwicklung und fordern einen Übergang von der Techniksteuerung zur Technikgestaltung. Nach Peter Wehling (Universität Augsburg) seien aber weniger die Entwicklungslabors von Wissenschaftlern und Ingenieuren wichtig als die der technischen Entwicklung vorausgehenden Technisierungsprozesse, in die TA sich aufklärend einmischen sollte. Ein weiteres TA-Konzept wurde entsprechend von Wehling in die Diskussion eingebracht: „Real-time TA“.
Der dritte Redner dieser Sitzung war Fritz Gloede (ITAS Karlsruhe), der sich dem „zivilgesellschaftlichen Einfluss auf Technikgestaltung durch Partizipation“ annahm. Er forderte unter anderem eine klare Trennung von Partizipation an Entscheidungen und Partizipation an der Entscheidungsvorbereitung und problematisierte den Begriff der „Zivilgesellschaft“ als Gegenbegriff zur Demokratie.
Der Analyse der Mikrostrukturen der Innovationsgestaltung waren die beiden ersten Sessionen im parallel stattfindenden Themenstrang am zweiten Konferenztag gewidmet. Alexander Görsdorf (Universität Bielefeld) spürte am Beispiel der Ende 2006 durchgeführten Verbraucherkonferenz zu Nanotechnologie der Frage nach, wie die Interaktionsstrukturen der Akteure in einem solchen partizipativen Verfahren gestaltet sind, was sie im Hinblick auf dessen Ziele leisten und wo sie eher kontraproduktiv wirken könnten. Im Bereich der Biopolitik sei die Ethik zum maßgeblichen Regulierungsdiskurs geworden, so Alexander Bogner vom ITA Wien, der am Beispiel der aktuellen Biomedizin-Kontroversen in Deutschland und Österreich die Interaktionsdynamiken zwischen Politik und Ethikexperten untersucht hat. Dabei habe die Ethik im Rahmen von Governance-Prozessen unter anderem die Funktion der Stabilisierung und Legitimierung von Dissensen und wirke zugleich hin zu einer Subjektivierung politischer Entscheidungsrationalitäten.
Dass Governance-Modelle nicht nur Grundüberzeugungen über die adäquate Gestaltung gesellschaftlichen Wandels vermitteln, sondern auch Entwürfe über die angemessene Rolle von Individuen in entsprechenden Prozessen liefern, zeigte Barbara Sutter (Universität Basel) anhand einer diskursanalytischen Untersuchung von Texten zu TechnologyGovernance-Prozessen. Die Strukturierung von Governance-Prozessen und die Subjektivierung der beteiligten Individuen seien kokonstitutiv füreinander.
„Von der Politik zur ‚Governance’: Zur Rekonstruktion gesellschaftlichen Wandels auf der Ebene der Mikrostrukturen sozialer Wirklichkeit“ war das Thema des Beitrags von Peter Münte (Universität Bielefeld). Er rekonstruierte beispielhaft anhand verschiedener Interviewtranskripte einen neuen Typus von Berater, der Politik und Verwaltung bei Entscheidungsprozessen berät. Durch die Rekonstruktion szenespezifischer Deutungsmuster zeigte Münte, wie Planung an die Stelle von Politik im klassischen Sinn tritt. Demnach wandle sich die Interaktionsform in diesen Prozessen derart, dass die Einbindung der Bürger als Legitimationsquelle in Entscheidungsprozesse zunehmend durch die Integration von Repräsentanten in Planungsprozesse abgelöst werde. Dadurch werde die Wahrscheinlichkeit der Repräsentation von Bürgern in Entscheidungsprozesse minimiert. Kai Buchholz (WZB Berlin) stellte die Frage: „Wissenschaftliche Beratung in der ‚Technology Governance’ als professionelle Dienstleistung?“ Ausgehend von wissenschaftlicher Beratung als einem Bestandteil von Technology Governance sah er Politikberatung als professionalisierungsbedürftiges Arbeitsbündnis und schlug einen Analyserahmen vor, der die Interaktionen der wissenschaftlichen Beratung als Beratungssysteme beschreibt, in denen eine Dienstleistung stattfindet, die sich mit den Mitteln der Professionssoziologie analysieren lässt.
Auf Governance-Fragen in einem ersten konkreteren Technologiefeld konzentrierte sich die Nachmittagssession „Governance der Nanotechnologie“. Für eine in der Entwicklung befindliche Gruppe von Nanomaterialien, nämlich die synthetischen Nanopartikel, stünden Governance-Prozesse vor einer großen Herausforderung. Angesichts des bisher nur punktuellen Wissens zu Gesundheitsrisiken dieser Stoffe und des diesbezüglichen Expertenstreits auf der einen und der politischen Forderung nach innovationsorientierter und verantwortlicher Forschung auf der anderen Seite, so Torsten Fleischer (ITAS Karlsruhe), komme der strukturierten Darstellung der Wissensbestände und der Identifikation von Forschungsschwerpunkten und -lücken eine wichtige Rolle zu. Die im Rahmen des Projekts NanoHealth entwickelte und von ihm vorgestellte Methode der Erarbeitung von Evidence Maps verspreche hierzu einen Beitrag.
Einer ähnlichen Aufgabe, allerdings mit einer stärkeren Orientierung auf die Öffentlichkeit, widmet sich das österreichische Vorhaben NanoTrust, das Ulrich Fiedeler (ITA Wien) in seinem Beitrag präsentierte. NanoTrust solle die Erkenntnisse zu möglichen Gesundheits- und Umweltwirkungen nanotechnologischer Anwendungen erheben, aufarbeiten und Interessenten zur Verfügung stellen (siehe auch den Beitrag von Fiedeler in diesem Heft). Zugleich diene das im Projekt implementierte „Risiko-Radar“ als eine Art Clearing House für Fragen von Stakeholdern zu Gesundheits- und Umweltrisiken.
Den Gestaltungsspielräumen von Materialforschern im Wissenschaftsalltag widmete sich Anna Schleisiek (ITAS Karlsruhe). Sie berichtete aus einem empirischen Forschungsvorhaben innerhalb des Projekts InnoMat, in dessen Rahmen neun Materialforschungsteams aus öffentlichen Forschungseinrichtungen über zwei Jahre beim Prozess des Wissens- und Technologietransfers begleitet werden. Dabei wurde unter anderem aufgezeigt, wie Materialforscher mit den Steuerungsbemühungen von Forschungsförderern umgehen, wie sie strategisch darauf reagieren und wie sie sich im Spannungsfeld von ermöglichenden und eingrenzenden externen Anforderungen positionieren.
Der Frage nach „TA Funktionen im Governanceprozess“ widmete sich die erste Parallelsession am dritten Tag. Marc Mölders (Universität Bielefeld) versuchte in seinem Vortrag „Technology Governance durch Lernen und Irritation? Zur Rolle von TA als Irritator“ mit den Begriffen des „Lernens“ und der „Irritation“ die Rolle von TA in der Gestaltung technologischer Entwicklungen aus systemtheoretischer Perspektive zu beschreiben.
Stefan Böschen (Universität Augsburg) konzeptualisierte in seinem Vortrag „Technikfolgenabschätzung als kritische Theorie“. Da TA ihren Gegenstand hauptsächlich in den nicht-intendierten Effekten von Innovationen findet, sei eine ihrer wesentlichen Herausforderungen die wissenschaftlich-technische Bewältigung von Modernisierungsfolgen. Um dieser gerecht zu werden, plädierte Böschen dafür, durch die Angebote der „Theorie reflexiver Modernisierung“ TA zu einer kritischen Theorie zu entwickeln und so eine Selbstverortung von TA im Modernisierungsprozess zu ermöglichen. Die Rolle von TA sei die eines Katalysators in der gesellschaftlichen Selbstberatung.
Helge Torgersen (ITA Wien) setzte sich unter dem Titel „Assessing the next (but one) game in town oder warum TA die Technikentwicklung manchmal überholt“ ausgehend vom „Collingridge-Dilemma“ kritisch mit der TA von Emerging Technologies auseinander. Diese stellten TA vor die Herausforderung, einer Doppelfunktion gerecht zu werden, zugleich Frühwarnung und Foresight zu leisten. Torgersen sieht die von außen intendierte Aufgabe der Technikfolgenabschätzung in der kontrollierten Vorwegnahme gesellschaftlicher Konflikte. TA würde dann zu einer proaktiven Governance-Maßnahme der gesellschaftlichen Absicherung neuer Technologien. Die Dekonstruktion von Kommunikationsvorgängen um Emergent Technologies (bei denen Kommunikationsvorgängen eine größere Bedeutung zukommt als bei anderen Technologien) sei dann aber, neben der Definition des Gegenstands, ebenfalls eine Aufgabe von TA. Torgersen machte deutlich, dass eine aktivere Rolle in der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung von TA-Institutionen eine Aufgabe sei, der sich TA stellen müsse.
In der Sitzung „Governance der IKT“ wurden zwei ganz unterschiedliche Themen behandelt. Susanne Giesecke und Thomas Länger (ARC Wien) beschrieben die Gefahren, die u. a. von Suchmaschinen für den Datenschutz ausgingen. Skeptisch bezüglich der „Governance-Fähigkeit“ von Nationalstaaten und EU setzten sie ihre Hoffnung auf die Mobilisierung der „user“ und deren politisches Engagement sowie auf den technischen Selbstschutz.
Ulrich Riehm (TAB Berlin) behandelte das anspruchsvolle Projekt „One Laptop per Child“ (OLPC) und befasste sich in erster Linie mit seiner Governance-Struktur. Seine Diagnose ist, dass OLPC in keines der bekannten Governance-Modelle passt, die eigene Programmatik im Widerspruch zum Steuerungsmodell steht, die Ressourcen und Kompetenzen zur Steuerung nur begrenzt ausgebildet sind und deshalb die Steuerbarkeit (und der Erfolg) des Projekts in Zweifel zu ziehen sei.
Die zweite Parallelsession am dritten Tag der Konferenz widmete sich dann vermehrt Berichten aus der TA-Praxis. Michael Ornetzeder und Anna Schreuer (Interuniversitäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur, Graz) referierten zum Thema „Auf der Suche nach nachhaltigen Anwendungsformen der Brennstoffzellentechnologie auf kommunaler Ebene: Erfahrungen mit Constructive Technology Assessment (CTA)“. Sie berichteten über ein Projekt, bei dem unter Stakeholder-Beteiligung stationäre Anwendungen für Brennstoffzellentechnologien für die Stadt Graz erarbeitet wurden.
Anschließend stellte Stephan Albrecht (Universität Hamburg) unter dem Titel „Arbiträre Politik und Technology Governance: das Problem der Pflanzentreibstoffe“ eine Analyse der europäischen Förderpolitik von Pflanzentreibstoffen vor. Hierbei wurde insbesondere der Frage nachgegangen, inwieweit der jeweilige Stand der Wissenschaft bei der Beschlussfassung berücksichtigt wurde. Die Session wurde von Alexander Gressmann (Universität Stuttgart) mit einem Vortrag zur „Bewertung von Gesundheitsrisiken nach der ExternE-/ HEATCO-Methodik – Anwendung und Einfluss auf die Beurteilung zukünftiger Verkehrsprojekte“ geschlossen.
Mit „Technikfolgenabschätzung als Teil eines Forschungsnetzwerkes im Bereich der Grünen Gentechnik“ präsentierte Mathias Boysen (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) in der Session „Governance der Biotechnologie“ ein Beispiel für TA als innovationsbegleitender Prozess. Im Rahmen eines naturwissenschaftlich dominierten Netzwerks mit dem Ziel, verbesserte Nahrungsmittel aus Raps herzustellen, gelang es mithilfe von Verbraucherfokusgruppen erarbeitetes Wissen in das naturwissenschaftliche Netzwerk einzuspeisen und so eine Steuerungswirkung im Netzwerk zu erreichen.
Mithilfe der Analyse „Völkerrechtliche, Europarechtliche und Staatsrechtliche Rahmenbedingungen der Grünen Gentechnik in Europa und deren Stellenwert für das Konzept der Technology Governance“ stellte Yvonne Schmidt (Karl-Franzens-Universität Graz) fest, dass die rechtliche Regulierung der Grünen Gentechnik in Europa durch einschlägige Normen auf horizontaler und vertikaler Ebene als Mehr-Ebenen-System wirkt. Hier bestehen zwar Entscheidungsspielräume bezüglich der Rechtsnormen, diese werden aber problematisch für die Regulierung grüner Gentechnik, wenn sie in der Rechtspraxis nicht mehr gleichwertig sind.
Im Abschlussplenum konnten die Teilnehmer der Tagung schließlich ein positives Fazit ziehen: Besonders die Bedeutung des Themas „Governance“ für TA wurde hervorgehoben. Das Thema Governance, so Stephan Bröchler, sei in der TA verankert und werde auch über die Tagung hinaus ein Thema in Lehre und Forschung bleiben. Die Bedeutung von weiterer Begriffsarbeit und empirischer Forschung sei auch in Zukunft eine lohnende Aufgabe für TA. Ein breites Spektrum an Ansätzen und Arbeiten wurde mit der Tagung dargestellt. Die Heterogenität der vorgestellten Beiträge ließ aber auch eine „rote Linie“ vermissen. So war der Wunsch nach einer besseren Zuspitzung auf die vorangestellte analytische Fragestellung auch eine Forderung im Rahmen des Abschlussplenums.
Nachdem sich die NTA2 „Technology Assessment in der Weltgesellschaft“ zum Thema genommen hatte, war das Thema der folgenden NTA3 nur konsequent: Mit „Technology Governance: Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung“ verfolgte das Netzwerk TA erneut ein Thema, dass stark im Kontext des gesellschaftlichen Wandels verortet ist. Darüber hinaus wurde auch das Thema staatlicher Entgrenzung weiter verfolgt, indem Governance von Technologien jenseits nationalstaatlicher Kontexte schon im Einführungsvortrag von Franz Josef Radermacher thematisiert wurde und im Laufe der Tagung immer wieder eine Rolle spielte (Giesecke, Länger; Schmidt).
Mit der NTA3 haben sich die im zweijährigen Turnus stattfindenden Konferenzen des Netzwerks TA weiter als Treffpunkt und Plattform für den Austausch der deutschsprachigen TA-Community etabliert. Auch die gelungene Postersession, die am zweiten Konferenztag stattfand, wurde in ihrer Bedeutung für die Veranstaltung gewürdigt. Hier hatte vor allem der „Nachwuchs“ die Möglichkeit, eigene Arbeiten vorzustellen, die dann auch rege an den einzelnen Postern diskutiert wurden.
Abschließend sei gesagt, dass die Tagung vor allem durch die vorgestellte Breite der TA-Ansätze beeindruckte. Die Ansatzpunkte von TA an das Thema Governance sind offensichtlich vielfältig und zeigen, dass das Thema von ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden kann und muss. Die Tagung vermittelte eindrucksvoll, dass es sich bei TA um ein Arbeits- und Forschungsfeld handelt, dass einerseits durch etablierte Verfahren gekennzeichnet ist, sich andererseits aber auch selbst – ebenso wie ihr Gegenstand – dynamisch entwickelt. Dabei werden nicht nur neue Herausforderungen in Form von neuen Technologien oder des gesellschaftlichen Wandels in den Blick genommen, sondern auch die eigene Praxis und ihre Rolle in gesellschaftlichen Prozessen sowie die daraus erwachsende Verantwortung reflektiert. Dass dies alles ein Teil von Technology Governance ist, hat die Tagung gezeigt.
TATuP-Redaktion