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ITAS - Kolloquium 2004 |
Montag, 24. Mai 2004, 14:00 Uhr
Prof. Alfred Nordmann
Technische Universität Darmstadt
Wenn neue Technologien radikale Umwälzungen versprechen, dann ist nicht weiter verwunderlich, dass sie auf Widerstand stoßen oder Horrorvisionen freisetzen. So ergeht es dieser Tage auch der Nanotechnologie. Ihren Propagandisten zufolge haben Ingenieure die ganz neue Fähigkeit erworben, einzelne Moleküle zu manipulieren und somit alles, was aus Molekülen besteht, miteinander zu verbinden. Neue Materialien, unsichtbar kleine Roboter, abfallfreie Produktion, krebstherapeutische Verfahren, vom Bewusstsein unmittelbar gesteuerte Maschinen - nichts, was sich unter der Überschrift "Nanotechnologie" nicht denken lässt. Ihre Kritiker sind nicht weniger fantasievoll und stellen sich ferngesteuerte Menschen, neue Krankheitserreger, den Verlust der Privatsphäre, die Ablösung der Menschheit durch Roboter vor.
Einen Fehler jedoch machen diese Propagandisten und Kritiker der Nanotechnologie. Sieüberspringen die langwierige Entwicklungsarbeit, in deren Verlauf sich so manches als unrealisierbar erweisen kann. Zugleich unterschlagen sie, dass auch die Gesellschaft sich weiterentwickelt. Sollte es wirklich einmal möglich werden, die Speicherfähigkeit des Gehirns mit Hilfe eines implantierten Chips zu erweitern, dann sind bis dahin auch andere technische und gesellschaftliche Bedingungen entstanden, die ihren Gebrauch ermutigen oder unterbinden. Um die Nanotechnik vernünftig einzuschätzen, sollten wir beim Hier und Heute ansetzen und auf die Zusammenhänge achten, in denen sich ihre Entwicklung vollzieht.
Die Einbettung technischer Innovation in kultureller Praxis vollzieht sich in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Ein Beispiel hierfür bieten die derzeit kontroversen RFIDs - Mikrochips, die zu Inventarisierungs-, Abrechnungs-, Datenerhebungszwecken in Konsumprodukte integriert werden sollen. Auch diese Mikrochips funktionieren nicht ohne technische Infrastruktur. Sie werden in einem elektrischen Feld aktiviert und senden ihre Informationen dann an einen Datenträger, sei es die Kaufhauskasse oder ein bestimmter Warenbereich,in dem dann etwa eine für den Konsumenten maßgeschneiderte Werbung bereitgestellt werden kann. Insbesondere die Möglichkeit, detaillierte Konsumentenprofile zu erstellen, die unter geeigneten technischen Bedingungen auch ohne Wissen des Konsumenten abrufbar sind, mobilisiert Widerstand. Da gibt es einerseits Gesetzesinitiativen, also die Mobilisierung einer gesellschaftlichen Technik zur Eingrenzung möglichen Missbrauchs dieser Mikrochips. Öffentliche Diskussionen, freiwillige Selbstkontrolle, Werbekampagnen, Boykotte oder Etikettierungen werden dazu beitragen, welchen Gebrauch diese Mikrochips letztlich haben und wie sie im Alltagsleben eingebettet sein werden. Fragen der gesellschaftlichen Einbettung wirken aber auch auf die technische Entwicklung zurück. So entsteht bereits eine Hacker-Kultur, die die Mikrochips für normale Benutzer "sichtbar", vielleicht auch kontrollierbar machen soll und die Geschäftsinteressen unterläuft. Umgekehrt haben Industrievertreter eine spezielle Einkaufstüte entwickelt, die einen "Gegenchip" enthält und die Käufer wenigstens auf dem Heimweg davor schützt, dass ihre Daten abgerufen werden können.
Die Einbettung der Mikro- oder Nanotechnik ist somit gleichermaßen Ingenieursaufgabe und gesellschaftliches Interesse. Natur- und Sozialwissenschaftler, Entwickler, Bürokraten, Staatsbürger, Konsumenten arbeiten gemeinsam an dieser Aufgabe. Wissenschaftsphilosophen und Technikhistoriker geben dabei Aufschluss über die Dynamik dieses Arbeitsprozesses. Die Zukunft der Nanotechnologie ist gesichert, wenn wir nicht spekulativ utopische Szenarien beschwören, sondern die gemeinsame Aufgabe der technischen und gesellschaftlichen Einbettung von vornherein auch gemeinsam betreiben.
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