Gesellschaftliche Gefährdungspotentiale durch weltweite Vernetzung

Christian Berg

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Durch die Zunahme der Leistungsfähigkeit und der Kapazität der Verkehrsnetze sowie durch die rasante Verbreitung der Informations- und Kommunikationsmedien sind in den letzten Jahrzehnten weltweite Vernetzungsprozesse vorangetrieben worden. Die Geschwindigkeiten und Kapazitäten für den Austausch von Rohstoffen, Waren, Dienstleistungen, Personen und Informationen haben sich, teils um Größenordnungen, erhöht, die Kosten sind entsprechend gesunken. Diese starke Zunahme der weltweiten Vernetzung zeigt sich z. B. an der Entwicklung des Weltaußenhandels, der in den vergangenen Jahrzehnten fast zwanzig mal (!) schneller gewachsen ist als die übrige Wirtschaft. Damit geht eine zunehmende wirtschaftliche Arbeitsteilung und eine Zunahme gesellschaftlicher Ausdifferenzierung einher. Im produzierenden Gewerbe sind die Wertschöpfungsketten oft weltweit verteilt.

Neben den hier nicht betrachteten ökologischen Risiken gibt es eine Reihe von gesellschaftlichen Risiken, die aus dieser zunehmenden Vernetzung erwachsen, wobei man unmittelbare und mittelbare Gefahrenpotentiale unterscheiden kann.

Zu den unmittelbaren, direkten Gefahrenpotentialen gehört, dass sich mit den Austauschprozessen in einer vernetzten Welt auch Bedrohungen, die früher regional begrenzt geblieben wären, rasch weltweit ausbreiten. Krankheiten wie AIDS oder SARS konnten auf diese Weise weltweite Bedeutung erlangen. Entsprechendes gilt für tierische Erkrankungen (z. B. Schweinepest, Geflügelgrippe oder BSE), aber auch für elektronische Viren (Computer, Mobiltelefone), für den Terrorismus und die organisierte Kriminalität. Erschwerend kommt hinzu, dass länderübergreifende Regulierungen und Kontrollen oft noch nicht die nationalstaatlich üblichen Standards erreicht haben, und dass gerade aufgrund der zahlreichen, oft unüberschaubaren internationalen Verflechtungen Stoffströme oder Produkt-„Weltlinien“ nur schwer nachzuvollziehen sind.

Ein Beispiel eines mittelbaren Gefahrenpotentials weltweiter Vernetzung ergibt sich daraus, dass insbesondere die IK-technische Vernetzung zu einer starken Beschleunigung vieler Entwicklungen beiträgt. In fast allen gesellschaftlichen Bereichen verkürzen sich die Innovations- und Produktionszyklen. Diese Beschleunigung stellt für unterschiedliche Akteure eine Gefährdung bzw. eine Herausforderung dar. Unternehmen sind z. B. einem wachsenden internationalen Wettbewerbsdruck ausgesetzt und müssen sich immer schneller auf die Umstrukturierung von Arbeitsprozessen einstellen. Mit steigendem Wettbewerbsdruck gewinnen zudem ökonomische Fragen an Bedeutung und verdrängen andere Aspekte gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Von Individuen wird ständige Flexibilität und lebenslanges Lernens erwartet - was zu einer „Corrosion of Character“ (Richard Sennett) führen kann. Die raschen Veränderungen und die Ökonomisierung des Lebens kann schließlich in Gesellschaften, die noch auf traditionalen Werten aufbauen, zu erheblichen Spannungen führen. Der islamistische Terrorismus hat seinen Nährboden auch in diesem Milieu.

Auch die TA ist von den sich verkürzenden Produktions- und Innovationszyklen betroffen. Denn insbesondere die prospektive TA steht vor dem Problem, in immer kürzeren Zeiten Technologien bewerten zu müssen. Zugleich sind in einer vernetzten Welt die Folgewirkungen von Technologien immer schwieriger zu überblicken.

Diesen Gefährdungspotentialen ist schwer zu begegnen und es sind je individuelle Lösungsansätze zu erarbeiten. Allgemein kann man jedoch sagen, dass teils technische Innovationen behilflich sein können, teils Änderungen der politischen Rahmenbedingungen gefordert sind. So können z. B. die Lebenswege von Produkten durch Kennzeichnungen mithilfe von RFID-Chips transparenter gemacht werden. In den Bereichen Sicherheit sowie Lebensmittel- und Verbraucherschutz wird man Fortschritte nicht ohne verbesserte internationale Zusammenarbeit und international bindende Übereinkünfte erreichen können.


Kontakt

Dr. Dr.-Ing. (des.) Christian Berg
Lehrbeauftragter der TU Clausthal
Wilhelmstr. 103
72074 Tübingen
E-Mail: christian.berg@tu-clausthal.de



Erstellt am: 11.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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