Stefan Böschen
Vortrag auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Die Bewältigung von wissenschaftlich-technisch induzierten Risiken ist im Zuge fortschreitender Modernisierung einem tiefgreifenden Wandel ausgesetzt, in dessen Verlauf nicht allein das Ausmaß der wahrgenommenen Risiken zugenommen hat, sondern sich vor allem deren Qualität verändert hat. Moderne Gesellschaften haben darauf seit den 1960er Jahren - ausgehend von den USA zunächst mit dem Konzept der Technikfolgenabschätzung (Technology Assessment, TA) reagiert. Darunter wurde eine expertenzentrierte Form der wissenschaftlichen Politikberatung verstanden, deren Ziel es war, das Wissen über die möglichen oder wahrscheinlichen Folgen einer vor der Anwendung stehenden technischen Innovation zu erweitern und zu verbessern.
In meinem Beitrag möchten ich die These erläutern, dass nicht nur der enge Rahmen dieses TA-Konzepts in den letzten Jahren aufgebrochen worden ist, sondern auch die Problematik der Folgenbewertung technischer Entwicklungen immer stärker auf die Wissenschaft selbst durchschlägt und hier zu Anpassungsreaktionen zwingt. Dies zeigt sich besonders in drei Phänomenen:
Solche Tendenzen verdichten sich zu einem Wandel von dem punktuellen, (vermeintlich) wissens- und faktenbasierten sowie normativ (scheinbar) neutralen Technology Assessment zu einem prozessualen, ungewissheits- und nichtwissens-basierten Science Assessment (Wissenschaftsfolgenabschätzung, WFA). Darin lassen sich, so meine Vermutung, zentrale Elemente eines Prozesses der reflexiven Modernisierung erkennen, d.h. einer Modernisierungsdynamik, die ihre eigenen Grundlagen und konstitutiven Grenzziehungen (zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik; zwischen Experten und Laien; zwischen Wissen und Nichtwissen; zwischen Fakten und Werten) in Frage stellt und untergräbt. Ziel des Science Assessment kann demnach nicht mehr ausschließlich sein, das Wissen über Wissenschafts- und Technikfolgen zu verbessern, sondern zugleich auch, Strategien des Umgangs mit wissenschaftlichem, wissenschafts-induziertem Nichtwissen sowie normativem Dissens vorzuschlagen und zu erproben.
Dabei zeigen sich zwei Stoßrichtungen für Science Assessment. Die eine zielt auf eine Erweiterung von Nebenfolgenreflexion in der Wissenschaft selbst (WFA 1. Ordnung). Dies wird im Wesentlichen durch eine transdisziplinäre Wissenschaftskultur ermöglicht, die als institutionelle Absicherung Formen der Wissenschaftsmediation benötigt. Die andere zielt auf die Steigerung gesellschaftlicher Lernfähigkeit (WFA 2. Ordnung). Hierbei ist insbesondere das Wechselspiel zwischen den Akteuren aus unterschiedlichen institutionellen Bereichen zu fördern und politisch abzusichern. Politik muss nicht nur weiterhin die Entfesselung von Forschung unterstützen, sondern gleichzeitig Formen für ihre Begrenzung finden, also Wissenspolitik etablieren. Vor dem Hintergrund empirischer Beispiele aus dem Feld der Gentechnologie soll in diesem Beitrag die Frage diskutiert werden, in welcher Weise spätmoderne Gesellschaften versuchen, der Entfesselungslogik von Forschung neue Selbstbindungsmechanismen entgegen zu setzen und welche Ansatzpunkte und Strategien zur weiteren Konsolidierung solcher Prozesse notwendig sind.
Dr. Stefan Böschen
Universität Augsburg
E-Mail:
stefan.boeschen@phil.uni-augsburg.de
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