Alternative Rationalitäten? Technikbewertung durch Laien und Experten am Beispiel der Biomedizin

Alexander Bogner, Wolfgang Menz

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Expertenwissen wird gerade in jenen Feldern für die Politik zu einer zentralen Handlungs- und Legitimationsressource, wo infolge wissenschaftlich-technischer Innovationsdynamiken moralische Grundfragen neu zur Disposition gestellt werden und politische Entscheidungszwänge entstehen. Ein herausragender Fall ist aktuell die Biotechnologie, man denke nur an die gewichtige Orientierungsfunktion diverser Expertenempfehlungen für die Parlamentsdebatten zur Stammzellforschung oder der genetischen Diagnostik. Die politische Nachfrage nach bioethischer Expertise hat zu einem regelrechten Boom der Kommissionsethik geführt, der sich aktuell in einem Neben- und Durcheinander von institutionalisierter Expertise äußert.

Nun wird von der Politik nicht nur wissenschaftliches Wissen abgefragt. Gerade im Fall moralisch sensibler Fragen bekommen Beteiligungsexperimente wie Bürger- und Konsensuskonferenzen, Szenario-Workshops usw. immer mehr Gewicht. Von derartigen Formen einer „demokratischen Technikbewertung“ (Abels / Bora) verspricht man sich im Wesentlichen zweierlei: die Integration alltagsweltlicher Wissensbestände und Erfahrungen in den Meinungsbildungsprozess sowie ein öffentliches „Monitoring“ fachwissenschaftlich gebundener Expertise (im Sinne eines öffentlichen Akzeptabilitätstests der in derartigen Expertisen versteckten normativen Prämissen), also Pluralismus und Transparenz.

Auf Basis unserer empirischen Untersuchungen werden wir folgende Thesen entwickeln:

  1. Verstärken partizipative Verfahren die Relevanz außerwissenschaftlicher Erfahrungen und Wissensbestände?
    Zumindest bei komplexen Themen und Sachverhalten bleibt auch in den Bürgerpanels das Expertenwissen der dominante Bezugsrahmen für die Entscheidungsfindungsprozesse - es kommt zu einer paradoxen Expertokratisierung der Laiengremien. Der Expertendiskurs wird zum maßgeblichen und selektiven Ordnungsrahmen der Laiendiskussionen. Zudem spielen organisationale Zwänge und Opportunitäten eine wichtigere Rolle für den inhaltlichen Output als die Abwägung ethischer Positionen und Argumente auf der Basis individuellen Erfahrungswissens. Ethische Positionen gelten als „Privatsache“, die diskursiv nicht wirklich verhandelbar ist.
  2. Sind Bioethikkommissionen überhaupt Ethikgremien? Geht es hier eigentlich um Werte und / oder um Wissen(schaft)?
    Unsere Untersuchung von Aushandlungsprozessen in Expertengremien zeigt, dass das offizielle Label - Ethik - genau genommen trügt. Zumindest als expliziter theoretischer Diskurs spielen ethische Grundfragen keine wesentliche Rolle. Die Diskussion solcher Grundfragen wird zugunsten (immer nur partieller) Einigungsfähigkeit zurück gestellt, damit die Akteure ihre Interessen - die Steigerung der Mehrheitsfähigkeit der eigenen ethischen Positionen - effektiv wahren können. Ebenso wie die „ethische Expertise“ ist auch das Expertenwissen als (medizinisches oder biologisches) „Sachstandswissen“ in der Kommission ein komplexes soziales Aushandlungsprodukt und bleibt an die Bedeutung lebensweltlichen Wissens rückgebunden.
  3. Sind Expertenräte eine Gefahr für die Entscheidungsautonomie der Politik?
    Bioethikkommissionen produzieren in aller Regel ethischen Dissens in Form divergierender Empfehlungen. Die Politik wird dadurch jedoch keinesfalls vor ein grundsätzliches Legitimationsproblem gestellt; der (erwartbare) Dissens der Experten bringt die Notwendigkeit einer politischen Entscheidung überhaupt erst wieder zur Erscheinung. Im Zeitalter prinzipieller Unsicherheit stellt der Abruf institutionalisierter (Gegen)Expertise einen Faktor zur Herstellung eines glaubwürdigen Zeitpunkts für politisches Entscheiden dar. Es ist genau diese Symbolfunktion der Expertise, die sie für die Politik heute so wichtig macht.

Dies zeigt erstens, dass für die Analyse und Beschreibung von Prozess- und Ergebnislogiken von Technikberatung maßgebliche Unterscheidungen wie Wissen/Werte oder Experten- versus Laienrationalität zu kurz greifen. Es sind organisationale Zwänge, Diskursordnungen und mikropolitisches Handeln, die den materiellen Output der Diskussionen prägen. Zweitens herrscht verkehrte Welt: Im „Laiengremium“ waltet Expertenwissen, und Alltagswissen greift Raum im Expertenrat. Wir müssen - Stichwort Expertendissens - weder eine neue Expertokratie fürchten, noch dürfen wir bei Beteiligungsexperimenten auf die Artikulation alternativer Rationalitäten vertrauen.

Empirischer Hintergrund des Papiers ist das Forschungsprojekt „Expertenwissen, Öffentlichkeit und politische Entscheidung. Ethikkommissionen und Bürgerbeteiligung als Instrumente der Politikberatung in Deutschland und Österreich“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderinitiative „Wissen für Entscheidungsprozesse - Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“ finanziert und unter der Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Schumm am Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main, in Kooperation mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung, Wien, durchgeführt wird.


Kontakt

Alexander Bogner
Institut für Technikfolgen-Abschätzung der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Strohgasse 45
A-1030 Wien
Tel.: 0043 - 1 - 51581 - 6595
E-Mail: abogner@oeaw.ac.at

Wolfgang Menz
Institut für Sozialforschung an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt am Main
Tel.: 069 - 756183 - 47
E-Mail: w.menz@soz.uni-frankfurt.de



Erstellt am: 11.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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