Ricarda Drüeke
Posterpräsentation auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Das Internet, substantieller Teil der Informationsgesellschaft, fördert vielfältige Hoffnungen auf ein Mehr an Information, Teilhabe und Diskursivität. Euphorisch versprechen sich manche AutorInnen (vgl. Leggewie & Maar 1998) die Entstehung eines neuen öffentlichen Raumes, in dem sich Demokratie auf direkte Weise zu konstituieren vermag. In neu entstandenen Öffentlichkeiten sollen Hierarchien abgebaut und die gleichberechtigte Teilnahme aller Bürgerinnen und Bürger ermöglicht werden. Das Internet könne - so die hoffnungsfrohe These - zu einer Demokratisierung der gesellschaftlichen und politischer Prozesse beitragen.
In diese Diskussionen um elektronische Demokratie fallen auch Debatten zu electronic Government (eGovernment). Unter eGovernment werden dabei die gesellschaftlichen und politischen Prozessen im Zusammenhang mit Regieren und Verwalten verstanden, die mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien zustande kommen (vgl. Fachausschuss Verwaltungsinformatik der Gesellschaft für Informatik 2000, Lucke&Reinermann 2002). Auch eGovernment-Prozesse sollen den Bürgerinnen und Bürgern eines umgrenzten Raumes gleichen Zugang und mehr Teilhabemöglichkeiten am politischen und staatlichen Geschehen bieten. Es können neue Informations- und Partizipationsangebote für verschiedene Bevölkerungsgruppen entstehen; auch lassen sich die elektronischen Möglichkeiten politischer Teilhabe, Interaktivität, Kommunikation und eine relative Offenheit bei der Themenwahl sowie neue Formen politischer Aktionen zu einer größeren Berücksichtigung von Gender-Aspekten nutzen.
Diese Prozesse sind jedoch sehr fragil; durch unterschiedliche Faktoren wird die unbegrenzte Offenheit, Gleichheit und Diskursivität im Sinne von Habermas (1995) bzw. in der feministischen Erweiterung von Fraser (1996, 2001) gefährdet, dass sich idealerweise in diesen Prozessen widerspiegeln sollte. Die vorhandenen Möglichkeiten zur Demokratisierung und Berücksichtigung von Geschlechtergerechtigkeit sind bedroht. Denn es findet eine Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen im Internetzugang und der -nutzung statt. Noch immer bestimmen Bildung, Einkommen, Alter und Geschlecht wer Zugang zum Netz hat. [1] So hat sich gezeigt, dass zum größten Teil diejenigen teilhaben, die auch bisher schon politisch aktiv waren und im Netz ebenfalls Hierarchien präsent sind.
Im Bereich von eGovernment, so z. B. im Bundesportal www.bund.de dem zentralen Bestandteil der eGovernment-Initiative der Bundesregierung, werden Genderperspektiven kaum berücksichtigt (Winker / Drüeke 2004). Nur vereinzelt wird das Thema Gleichstellung benannt. Die Ansprache von bestimmten Interessensgruppe von Frauen wie Migrantinnen, Hausfrauen oder Mädchen ist ebenso wenig vorhanden wie Angebote, die sich gezielt mit frauenpolitischen Fragestellungen beschäftigen.
Wichtig ist aber der Ausbau von Chancengleichheit für alle gesellschaftlichen Gruppen im Bereich des eGovernment. Dies soll dazu führen, dass der Zugang zu Information und Wissen im Internet ausgedehnt wird sowie vielfältige Teilhabemöglichkeiten gefördert und politische Prozesse erweitert werden.
Fragen, die mich in diesem Zusammenhang besonders interessieren, lauten:
[1] vgl. Internet-Umfragen unter [http://www.w3b.de], (n)onliner Atlas 2002-2004 sowie (n)onliner Atlas 2003 und 2004 Gender Mainstreaming Sonderauswertung unter [http://www.nonliner-atlas.de].
Benhabib, Seyla (1997):
Die gefährdete Öffentlichkeit, in: Claus Leggewie; Krzysztof Michalski (Hg.): Medien und Demokratie, Schriftenreihe Transit Heft 13, Frankfurt / Main, S. 26-41.
Fachausschuss Verwaltungsinformatik der Gesellschaft für Informatik e.V. und des Fachbereichs 1 der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (Hg.):
Memorandum Electronic Government als Schlüssel zur Modernisierung von Staat und Verwaltung, September 2000, abrufbar unter
[http://www.mediakomm.net/documents/memorandum.pdf]
Fraser, Nancy (2001):
Öffentliche Sphären, Genealogien und symbolische Ordnungen, in: dsb: Die halbierte Gerechtigkeit, Frankfurt / Main, 2001, S. 107-250.
Leggewie, Claus; Maar, Christa (1998) (Hg.):
Internet und Politik. Von der Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie, Köln
Lucke, Jörn von; Reinermann, Heinrich (2002):
Speyerer Definition von Electronic Government (2002). Ergebnisse des Forschungsprojektes Regieren und Verwalten im Informationszeitalter. Online-Publikation
[http://foev.dhv-speyer.de/ruvii]
Maihofer (1995):
Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz, Frankfurt / Main
Winker, Gabriele; Drüeke, Ricarda (2004):
Gender Mainstreaming im Bundesportal BundOnline 2005,
[http://www.kompetenzz.de/filemanager/download/470/GM_Bundesportal_TUHH.pdf) (20.06.2004).
Ricarda Drüeke M.A.
Lehrstuhl für philosophische Grundlagen kulturwissenschaftlicher Analyse
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