Politikberatung als Irritation - praktische Erfahrungen bei Technik-Konflikten

Christoph Ewen

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Die Geschichte der Umweltdebatte der vergangenen 30 Jahre Konflikte ist im wesentlichen eine Geschichte der Konflikte um technische Anlagen bzw. generell um Technologien. Den Platz der verwundbaren Umwelt nimmt in jüngster Zeit zunehmend die verwundbare Gesundheit (und die verwundbare Sozialstruktur) ein. Ob Mobilfunk, Atomendlagerung, Gentechnik, Massentierhaltung, Flugverkehr oder der Einsatz von Chemikalien - die Politik trägt Konflikte zwischen Befürwortern und Gegnern, zwischen potentiellen Gewinnern und potentiellen Verlierern des Einsatzes von Technik aus. Sie sucht Wege, den Konflikt (auf)zu lösen und gleichzeitig die jeweilige Klientel / die jeweilige politische Position zu stützen.

Die Diagnose der fragilen Welt findet im Bereich der Technikkonflikte einen Ausdruck in der zunehmenden Ausdifferenzierung der Konfliktparteien. Das Bild wird nicht mehr geprägt von den antagonistischen und mehr oder weniger straff organisierten Blöcken der Atomkraftgegner und der Nuklearenergiebefürworter, die in dieser Konstellation gleichzeitig die Frontlinien im Streit um Wirtschaftswachstum, Nachrüstung oder auch Gleichberechtigung nachstellten. Vielmehr ist das Bild bunter geworden: Neben den klassischen NGO´s gibt es die Toner-Geschädigten, die gegen PID arbeitende Behindertenlobby, die Villen besitzenden Fluglärmgegner oder auch die sich gegen eine Mobilfunkantenne auf dem Kirchendach wehrenden Gläubigen. Dabei hat die Intensität der den Technikeinsatz begrenzen wollenden Kampagnen wenig mit der Gefährdung zu tun, wie sie seitens der wissenschaftlichen Experten quantifiziert wird.

Wissenschaftliche Politikberatung geht klassischer Weise davon aus, dass das Rationalitätsniveau der Politik gehoben werden muss. Durch Expertise (und Gegenexpertise) munitionieren sich die politischen (Konflikt-)Parteien, legitimieren ihre jeweilige Position und harmonisieren die internen Positionen. Wenn die Konfliktparteien zerfasern und die Expertise zunehmend weniger verfängt, muss Politikberatung neue Wege gehen. Am Beispiel ausgewählter praktischer Beispiele wird gezeigt, dass hier eine konstruktivistische Politikberatung weiter helfen kann. Diese zeigt die Grenzen und die Deutungsmöglichkeiten wissenschaftlichen Wissens auf, erarbeitet mit dem beratenen Politiker zusammen ein Bild des „Konfliktsystems“ und der beteiligten Teilsysteme inclusive ihrer jeweiligen Verfasstheit („Konflikt- und Akteurslandschaft“) und unterstützt ihn (resp. sie) bei der Reflektion der eigenen Rolle und der bestehenden Handlungsoptionen.

Die Erfahrung zeigt, dass diese irritierende Form der Beratung nicht immer auf Gegenliebe stößt. Der Beratungsprozess liefert wissenschaftliche Fakten und zeigt damit die Unsicherheit der wissenschaftlichen Aussagen auf. Er generiert Handlungsoptionen und überlässt die Bewertung dem Kunden. Er beginnt mit einem klaren Auftrag und hinterfragt diesen im Lauf des Beratungsprozesses kontinuierlich. Diese Form der Beratung irritiert nicht nur den einzelnen Entscheidungsträger, sie irritiert das System der Entscheidungsfindung. Diese Irritation bietet die Chance, dem im Bereich des Einsatzes von Technik in hohem Maße politisch und juristisch geregelten System der Entscheidungsfindung neue Wege zu eröffnen.


Kontakt

Dr. Christoph Ewen
Ludwigshöhstraße 31
64285 Darmstadt
E-Mail: mail@team-ewen.de



Erstellt am: 11.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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