Patchwork-Medizin.
Partikularisierung und Entgrenzung des Menschen in der Organtransplantation

Günter Feuerstein

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Während der letzten Jahrzehnte ist die Organtransplantation zu einem medizinischen Routineverfahren und selbst in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem Stück Normalität geworden. Gewichen sind damit auch die Faszination und die vielfältigen Ängste, die ursprünglich noch von der Kombination menschlicher Körper und der scheinbaren Auflösung personaler Grenzen ausgingen. Tatsächlich bot die Organtransplantation reichlich Raum für Phantasien. Sie aktivierte soziokulturell tief verwurzelte Empfindungen und Empfindlichkeiten, meist verbunden mit unbehaglichen Projektionen einer Grenzüberschreitung: der Ausschlachtung des Körpers, der Einverleibung des Anderen, der inneren Okkupation durch das geheimnisvolle und feindselige Fremde, der Vermischung von Persönlichkeitseigenschaften. Diese Mystifizierung von Körperteilen ist weitgehend technischen Wahrnehmungsmustern gewichen.

In mancher Hinsicht konstituierte die OT tatsächlich einen Bruch im Selbstbild des Menschen. Man könnte von einer Entzauberung des menschlichen Körpers, einem Abwurf von Gefühls- und Bedeutungsballast sprechen. Auf der anderen Seite liegt die Organtransplantation in der Kontinuität einer Entwicklung, der das menschliche Individuum seitens der Medizin, vor allem aber auch in der Gesellschaft ausgesetzt ist. Moderne Medizin ist in ihrem Kern auf partikulare Wahrnehmungen fixiert: auf Organfunktionen, auf molekulare Faktoren. Bezogen auf den Körper tritt der Mensch als eine Art „Einzelteil-Ganzheit“ (Theweleit) in Erscheinung. Wenn auch nicht frei konstruierbar, so ist er - zumindest gedanklich - rekonstruierbar / rekombinierbar geworden. Und er ist dies nicht nur als eine Art lebendes Artefakt, sondern auch als Teil einer „kannibalistischen Ordnung“, die weder der Medizin, noch der modernen Gesellschaft wesensfremd war und ist.

Die Einzelteil-Ganzheit des Körpers, wie sie sich exemplarisch in der Organtransplantation zeigt, bleibt dabei nicht auf den Körper begrenzt, sondern ergreift das gesamte Individuum. Mit dem Auseinanderfallen von Körper und Subjekt haben sich auch die Tore zur Selbstinstrumentalisierung etwas weiter geöffnet hat. Dies allerdings spricht nicht unbedingt für einen zwingenden Siegeszug der „Gouvernementalität“. Ob sich eine „Mikrophysik der Biomacht“ etabliert, die eine neue Klammer für die Integration des Individuums und der Gesellschaft bietet, oder ob sich einfach nur ein summarisches Selbst herausbildet, das orientierungslos situative Anpassungsleistungen vollzieht, darf als offene Frage betrachtet werden. Vielleicht ist nicht die mangelnde Integrationsfähigkeit des Individuums, die Bedrohung seiner Einheit und Konsistenz das eigentliche Problem, sondern die illusionäre Engführung und Zentrierung der menschlichen Existenz auf Aspekte der Persönlichkeit und Personalität. Gerade im Kontext der Organtransplantation sind diese Begriffe, ihre Gleichsetzung mit dem menschlichen Leben, zu einer Ressource geworden, die Legitimität des Zugriffs auf menschliche Organe „hirntoter Spender“ immer weiter in den Zustand des Lebens hinein zu verlagern.

Für das menschliche Leben und für das Überleben in der Gesellschaft könnte sich die Idee der Person also durchaus als eine Idee erweisen, die im wirklichen Leben eines Menschen nicht mehr besonders gut funktioniert, für den Einzelnen vielleicht sogar kontraproduktiv geworden ist, obwohl sie zugleich als juristische Fiktion nicht nur eine neue Ruhestätte gefunden hat, sondern dabei geradezu eine neue Blütezeit erlebt.


Kontakt

PD Dr. Günter Feuerstein
Universität Hamburg
FSP Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt, FG Medizin/Neurobiologie
Falkenried 94
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Erstellt am: 15.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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