Technikcharakterisierung, leitbildorientierte Technikgestaltung und integrierte Managementsysteme - Drei Ansätze zur Operationalisierung des Vorsorgeprinzips

Arnim von Gleich

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Keine Innovation ist ohne Risiko. Die Tatsache, dass etwas „neu“ ist und dass man über etwaige problematische Folgen nicht genügend weiß, kann allein keine weit reichenden Vorsorgemaßnahmen bis hin zum Moratorium begründen. Für Maßnahmen, die weit über die immer angebrachte Behutsamkeit beim Betreten unbekannten Terrains hinausgehen, müssen „gute Gründe“ für eine „tief greifende Besorgnis“ vorliegen. Diese guten Gründe können aus einer „Charakterisierung“ von Technologien und Stoffen stammen. Eine solche Charakterisierung kann schon prospektiv erfolgen, also lange bevor die Einsatzbereiche und damit die möglichen Expositionen klar sind, ja auch schon vor der Existenz wissenschaftlich abgesicherter Wirkungsmodelle. So gilt z. B. in dem Entwurf zur Europäischen Chemikaliengesetzgebung REACH die Kombination der Eigenschaften „sehr persistent“ und „sehr bioakkumulativ“ bei Chemikalien als hinreichend Besorgnis erregend, um eine Zulassung zu erzwingen, selbst wenn noch keine hinreichend begründeten Verdachtsmomente auf etwaige Schadwirkungen vorliegen.

Es werden die Ergebnisse zweier vom BMBF geförderter Forschungsprojekte vorgestellt und unter dem Aspekt von Wissensanforderungen und Managementperspektiven zur Operationalisierung des Vorsorgeprinzips miteinander verknüpft. Im Projekt Subchem (Gestaltungsoptionen für handlungsfähige Innovationssysteme zur erfolgreichen Substitution gefährlicher Stoffe www.subchem.de) wurde auf der Basis von 13 Fallstudien der Ersatz von Gefahrstoffen durch weniger gefährliche Stoffe bzw. Anwendungssysteme als Innovationsprozess untersucht. Neben allgemeinen und spezifischen Systemträgheiten, die sich insbesondere auf die Innovationsfähigkeit auswirken, haben diese Substitutionsprozesse vor allem mit dem Problem der Innovationsrichtung zu kämpfen. Es existieren zahlreiche Beispiele für Substitutionen, die in die falsche Richtung gingen. Z. B. wurden FCKWs, PCBs, chlorierte Lösemittel und bromierte Flammschutzmittel als „sicherere“ Substitute eingeführt. Das Risikominderungsziel betraf Explosionsschutz, Brandschutz und bei FCKW auch geringere Toxizität. Zudem wird ungenügendes Wissen über mögliche Wirkungen sowohl der Gefahrstoffe als auch der Substitute allzugerne vorgebracht, um Innovationen abzublocken. Wenn alle darauf bestehen, dass erst gehandelt wird, wenn a) die Gefährlichkeit des Gefahrstoffs und b) die relative Ungefährlichkeit des Substituts umfassend geklärt ist, findet die Substitution nicht statt. Ein auf Gefahrstoffe bezogenes Risikomanagement kann also nicht vorwiegend auf toxikologisches Wirkungswissen gegründet werden. Ansätze für Auswege aus diesem Nicht-Wissens-Dilemma der Risikoabschätzung liegen in einem erweiterten Risikomanagement. Viel versprechend ist hier erstens die leitbildorientierte Entwicklung und Gestaltung von Stoffen bzw. Anwendungssystemen. Die Leitbilder „Kreislauffähigkeit“, „wässrige Systeme“ und „Eigensicherheit“ haben in den Fallbeispielen eine wichtige, z. T. aber auch durchaus ambivalente, Rolle gespielt. Zum Zweiten eröffnet ein Qualitätsmanagement entlang der Wertschöpfungskette, das die Aspekte der Arbeitssicherheit, des Verbraucherschutzes und Umweltschutzes integriert, weiter gehende Perspektiven.

Im Projekt „Innovations- und Technikanalyse zur Nanotechnologie - Themenfeld „Nachhaltigkeitseffekte durch Herstellung und Anwendung nanotechnologischer Produkte“ wurde zum Einen versucht, mit Hilfe eher konventioneller, an die Ökobilanz angelehnter, Ansätze, die erwartbaren Verbesserungen der Ökoeffizienz ausgewählter Projekte abzuschätzen (u. a. Beschichtungen, Katalysatoren, Displays, weiße LEDs). Die „Technikcharakterisierung“ fokussierte darüber hinaus, im Sinne einer „prospektiven TA“, auf zwei Aspekte dieser recht heterogenen Technologielinie, auf die Eigenschaften und erwartbaren Wirkungen von Nanopartikeln sowie auf die Nutzung von Selbstorganisationsprinzipien und einen möglichen Übergang von der Selbstorganisation zur Selbstreproduktion. Darüber hinaus wurden auch hier die Möglichkeiten zu einer leitbildorientierten Gestaltung bestimmter Linien der Nanotechnologie diskutiert.

Die Ergebnisse der Technikcharakterisierung deuten darauf hin, dass zumindest in der derzeitigen chemisch-physikalischen Frühphase die Qualitäten der nanotechnologiespezifischen Risiken mit denjenigen der synthetischen Chemie durchaus vergleichbar sind. Damit stellt sich die Frage, ob und wie weitgehend die Industriegesellschaften in der Lage sind, aus den zum Teil durchaus leidvollen Erfahrungen im Chemiebereich für die Entwicklung, Gestaltung und für das Risikomanagement der Nanotechnologie zu lernen.


Kontakt

Prof. Dr. Arnim von Gleich
Universität Bremen
FB Produktionstechnik
Fachgebiet Technikgestaltung und Technologieentwicklung
Postfach 330440
28334 Bremen
E-Mail: gleich@uni-bremen.de



Erstellt am: 12.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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