Neue Formen der Bürgerschaft in Europa? Laien und Experten im Diskurs um die Biomedizin

Alexander Görsdorf

Posterpräsentation auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Auf diesem Poster stelle ich meine Analyse einer innovativen und ambitionierten Veranstaltung zur Bürgerbeteiligung am gesellschaftlichen Diskurs um die Biomedizin dar - eines „Szenario-Workshops“, in dem Laien und Experten gemeinsam Handlungsempfehlungen für gesellschaftliche Entscheidungsträger entwickelten. Ziel der Veranstaltung war außerdem, einen Beitrag zur Entwicklung von Methoden gesellschaftlicher Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zu leisten.

Die ethnografische Analyse zeigt: Teilnehmer und Veranstalter produzierten in dem Verfahren, das als eines der partizipativen Forschungs- und Technologiebewertung konzipiert war, nicht nur Zukunftsszenarien und Handlungsempfehlungen: Durch die in der Veranstaltung praktizierte Verknüpfung der kulturellen Konzepte von „Laien“ und „Experten“ - die auf wahrgenommene Ungleichheit verweisen - und des Konzeptes des „Bürgers“ - das auf normative Gleichheit verweist - wurde eine neue Form politischen Engagements und politischer Verantwortung ko-produziert. Ich bezeichne diese Form als „epistemic citizenship“.

„Epistemic citizenship“ ist geprägt durch die individuelle Erfahrung eigenen, potentiell relevanten Wissens und gleichzeitig eigenen Nichtwissens während der Arbeit in einem wissensproduzierenden Kollektiv. In der Veranstaltung musste deshalb die Grenze zwischen „Experten“ und „Laien“, zwischen Wissen und Nichtwissen innerhalb der einzelnen Teilnehmer gezogen werden - und zwar auch von diesen selbst. Diese Erfahrung wurde als eine explizit politische begriffen. Die Organisatoren solcher Workshops können als „neue Experten“ einer „civic epistemology“ verstanden werden, da sie daran arbeiten, valides Wissen und Methoden für gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen um Wissenschaft und Technologiepolitik zu entwickeln. Sie und ihr Wissen sind Voraussetzung für die Bildung von „Teilnehmergruppen“ als potentielle Subjekte politischer Normativität und begünstigen durch ihre Tätigkeit die Entstehung von „epistemic citizens“.

Die Ergebnisse der Untersuchung gewinnen an Relevanz vor dem Hintergrund dessen, was man die „Europäisierung Europas“ nennen kann. Denn noch immer ist die Europäische Union vor allem ein bürokratisches Gebilde, ihr werden von verschiedenen Seiten demokratische Defizite und Bürgerferne vorgeworfen. Das Thema Bürgerbeteiligung spielt deswegen eine große Rolle in den Feldern, auf denen sich „Europa“ konstituiert. Auf dem Gebiet der Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiepolitik wird sie z. B. durch die Europäische Kommission gefördert, im Rahmen der „Science and Society“-Programme und des Europäischen Forschungsraumes (ERA). Ich fasse deshalb das Phänomen der Bürgerbeteiligung in der Wissenschafts- und Technologiepolitik als Element einer emergenten europäischen politischen Kultur auf. Die Europäisierung Europas ist außerdem eingebunden in größere Veränderungen von nationalstaatlich verfassten „Industriegesellschaften“ hin zu dem, was als transnationale „Wissensgesellschaft“ beschrieben wird. Welche „Wissenskompetenzen“ in einer solchen Gesellschaft Voraussetzung für das politische Engagement Einzelner sind, welche Formen sozialer Identität an Relevanz gewinnen und welche Akteure diese repräsentieren, sind deshalb drängende Fragen.



Erstellt am: 21.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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