Jessica Heesen, Christoph Hubig
Vortrag auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Unter den Begriff Ubiquitous Computing (auch Pervasive Computing oder Ambient Intelligence) fallen solche Entwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik, die sich die Schaffung einer intelligenten Umgebung zur Aufgabe gestellt haben. Durch Integration in die Alltagsgegenstände soll eine allgegenwärtige Computertechnik unaufdringlich und unsichtbar den Menschen bei seinen Tätigkeiten unterstützen und von Routineaufgaben entlasten.
Der geplante Beitrag soll zeigen, inwiefern neue Leitbilder der Informationstechnik verschiedenen Auffassungen über die Konstituierung der menschlichen Identität korrespondieren. Es wird darauf abgehoben, inwiefern moderne Technologien wie die life sciences oder die Informationstechnik die Integrität der menschlichen Identität nicht nur explizit in Frage stellen, sondern gleichzeitig auch als gleichsam in Technik abgesunkene geistesgeschichtlich problematisierte Konzepte von Subjektivität zu deuten sind.
In der neuzeitlichen Philosophie rückten insbesondere solche Entwürfe von Subjektivität in den Blick, die Subjektivität und Ich-Identität aus den Wechselverhältnissen zwischen dem Individuum und seinen verschiedenen Kontexten begründeten. Mit dem aufgeklärten Denken wurde zwar das Individuum, sein Vermögen zur Selbstbestimmung und seine Formen der erkennenden Welterzeugung Bezugspunkt vieler philosophischer Theorien, gleichzeitig wurde aber die Stellung des Subjekts durch rationalitätskritischer Ansätze relativiert. Gemeinsam ist vielen Entwürfen die Betonung der konstitutionellen Abhängigkeit des Subjekts von strukturellen und wandelbaren Komponenten und die implizite Aufwertung der materialen Umgebung als Bestandteil der menschlichen Identität. Als Kritik an der Vorstellung vom identischen und rationalen Subjekt formulierte schließlich die so genannte Postmoderne das Konzept einer ausgebreiteten Subjektivität, die sich nicht durch eine Entgegensetzung von Subjekt und Objekt, sondern vielmehr durch ihre Vermitteltheit konstituierte (vgl. z. B. G. Deleuze, D. Haraway, M. Foucault).
Das Ubiquitous Computing (UbiComp) reagiert auf zwei, teils widersprüchliche Strömungen innerhalb des modernen Subjektverständnisses:
Zu 1. Die Hypothese einer Konstituierung des Subjekts über sein Außen wurde mit der Etablierung des Internet auch auf die elektronischen Datennetzwerke übertragen. Dazu gehören zum Beispiel Ansätze zur Übertragung der menschlichen Vernunftvermögen an das Internet, die Idee einer Verwirklichung von Intersubjektivität durch die Informationstechnik oder die Annahme einer Repräsentation des modernen, dezentrierten Bewusstseins durch den Hypertext. Das UbiComp vervollständigt nun diese Entwicklung, indem es die im Laufe der Kulturgeschichte ständig ausdifferenzierten medialen Interaktionswelten auf den Bereich der gegenständlichen Umgebung ausweitet. Nicholas Negroponte bezeichnete in Bezug auf eine allgegenwärtige Computertechnik die Welt als ausgefaltetes Gehirn. Eine Vielzahl von Mikroprozessoren und Sensoren sorgt nun auch für eine weitgehende Medialisierung unserer dinglichen Umgebung. Pointiert ausgedrückt kann man sagen, dass die Umgebung durch das Ubiquitous Computing selbst Programm eines neuen Mediums wird. Über diese quasi natürliche Verbindung von objektiver Welt und informationstechnischer Anwendung können analytisch und ethisch bedeutsame Unterscheidungen jedoch leicht unkenntlich werden wie beispielsweise die zwischen natürlichen, lebendigen beziehungsweise spontan erzeugten Umwelten einerseits und einer künstlichen, absichtsvoll oder subjektiv vorbestimmten Lebenswelt andererseits.
Zu 2. In den Szenarien zum Ubiquitous Computing wird die Individualität der Nutzerinnen und Nutzer in besonderer Weise hervorgehoben. In Leitvisionen wird hierfür der Begriff personalisierte Interaktionswelten benutzt, er beschreibt die Entfaltung der Netzwerkorganisation und der Dateninfrastrukur von individuellen Nutzungsanforderungen aus. Die UbiComp-Technik mit ihrer Unterstützung interaktiver Sozialmodelle soll nach diesem Verständnis Alternative und Emanzipaton von mechanischen Technikmodellen sein. Anwendungen wie beispielsweise das intelligente Haus oder der persönliche Softwareagent sind nach dem Bild eines Dieners an die Bedürfnisse ihrer Besitzer angepasst. UbiComp ist in diesen Szenarien ein weiterer Baustein zur konsequenten Individualisierung des Mediengebrauchs.
Der geplante Beitrag setzt sich einerseits mit den Chancen des UbiComp für eine emanzipierte und individualisierte Techniknutzung auseinander und problematisiert andererseits die Tendenz zur technischen Verwirklichung einer ausgebreiteten, totalen oder totalitären Subjektivität, die mit den Visionen einer intelligenten Umgebung verbunden sein kann. In diesem Zusammenhang soll der Frage nachgegangen werden, ob eine ethisch begründete Forderung nach einer informationstechnikfreien Umgebung plausibel ist.
Prof. Dr. Christoph Hubig
Universität Stuttgart
Abteilung für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie
Seidenstraße 36
70174 Stuttgart
Tel.: 0711 - 121 - 2491
E-Mail:
christoph.hubig@philo.uni-stuttgart.de
Internet:
http://www.uni-stuttgart.de/wt
Jessica Heesen, M. A.
Universität Stuttgart
Abteilung für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie,
Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft Nr. 627 Nexus:
Umgebungsmodelle für mobile kontextbezogene Systeme.
Tel.: 0711 - 121 - 2347
E-Mail:
jessica.heesen@philo.uni-stuttgart.de
Internet:
http://www.uni-stuttgart.de/wt,
http://www.nexus.uni-stuttgart.de
Bitte beachten Sie, dass diese Internetseite nicht weiter gepflegt wird. Für aktuelle Inhalte besuchen Sie bitte www.itas.kit.edu.