Biofakte -
Die technikphilosophischen Probleme der lebenden Artefakte für die fragile Anthropologie des Menschen

Nicole C. Karafyllis

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Der Begriff „Biofakt“ besteht aus der Zusammenfügung von „Artefakt“ und „bios“ (gr.: Leben). Er ist ein Neologismus, der ein terminologisches Niemandsland besiedeln soll. Als natürlich-künstlicher Begriff bezeichnet er natürlich-künstliche Mischwesen, die durch zweckgerichtetes Handeln in der Welt sind, aber dennoch selbsttätig wachsen können (Karafyllis 2003). Wachstum wird dabei als zentrale Lebenseigenschaft vorausgesetzt. Biofakte wachsen und leben, aber sie tun dies nicht uneingeschränkt um ihrer selbst willen.

Damit ist auch eine These formuliert, die es im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit anzugreifen gilt. Die von Aristoteles prominent vertretene These lautet, daß dasjenige, was wächst, Natur ist. Auch Leben wäre demnach immer Natur. Dasjenige, was von außen bewegt wird, was nicht wächst, kann dagegen als Technik gelten. Diese Unterscheidung zwischen Natürlichem und Künstlichem kommt auch unseren gegenwärtigen Intuitionen entgegen.

Aber gilt das heute, angesichts neuer Techniken wie Zellkultur, Organtransplantation, Reproduktionsmedizin, Gentechniken und computerbasierter Reproduktionstechnik wie der Simulation noch?

Biofakte problematisieren in corpore einen Wachstums- und einen Bewegungsbegriff, der als Unterscheidungsmerkmal zwischen Natur und Technik dienen soll. Denn je nachdem, wie stark man das Wachstum bewußt provozieren, imitieren oder simulieren kann, können derartige Wesen mehr oder weniger technische Anteile aufweisen. Hier besteht Systematisierungsbedarf, der im Rahmen einer Biotechnikphilosophie geleistet werden sollte.

Die Biofaktizität bleibt nicht nur im Bereich der Objekte und Dinge. Auch der Mensch als Subjekt muß sich zu derartig gestalteten Lebewesen verhalten und sich positionieren. Dies ist die Herausforderung für die gegenwärtige Anthropologie und Technikphilosophie.

Vor dem Hintergrund der philosophischen Anthropologie wird gegenwärtig versucht, den Menschen als Mischwesen zwischen Techniknutzer und Naturwesen zu fassen. Man spricht beim kulturellen Selbstentwurf des Menschen auch von „Hybrid“ (Latour 1995). Hybridität und Biofaktizität des Lebewesens meinen nicht dasselbe, so meine These. Hybridität ist ein ontologischer und anthropologischer Begriff, Biofaktizität ein epistemologischer. Der Mensch als Hybrid zwischen Techniknutzer und Naturwesen bezeichnet damit sich selbst, seinen Selbstentwurf, verbunden mit einer Geschichte der Menschheit, der Geschichte seiner Herkunft, sein eigenes Gewachsensein. Das Biofakt zeigt den Fremdentwurf an, die Gründe, warum man für die Zwecke anderer wachsen und sich reproduzieren sollte. Der Begriff „Biofakt“ koppelt die Vor dem Hintergrund der philosophischen Anthropologie wird gegenwärtig versucht, den Menschen als Mischwesen zwischen Techniknutzer und Naturwesen zu fassen. Man spricht beim kulturellen Selbstentwurf des Menschen auch von „Hybrid“ (Latour 1995). Hybridität und Biofaktizität des Lebewesens meinen nicht dasselbe, so meine These. Hybridität ist ein ontologischer und anthropologischer Begriff, Biofaktizität ein epistemologischer. Der Mensch als Hybrid zwischen Techniknutzer und Naturwesen bezeichnet damit sich selbst, seinen Selbstentwurf, verbunden mit einer Geschichte der Menschheit, der Geschichte seiner Herkunft, sein eigenes Gewachsensein. Das Biofakt zeigt den Fremdentwurf an, die Gründe, warum man für die Zwecke anderer wachsen und sich reproduzieren sollte. Der Begriff „Biofakt“ koppelt die Möglichkeiten des Hybridseins an faktische Gegebenheiten der technischen Einflußnahme des Wachsens.

Biofakte und Artefakte sind beide künstlich geschaffene Entitäten. Biofakte stehen damit als Mittelglied in der Trias „Artefakte - Biofakte - Lebewesen“, die die Polarität zwischen Technik- und Naturhaftigkeit von Entitäten beschreibt. Im Gegensatz zu Artefakten bleiben Biofakte ihr Leben lang prozeßgebunden. Prothesen wie z. B. Herzschrittmacher und künstliche Augenlinsen, die auch als technischer Eingriff in unserer eigenen Natur gelten können, rechtfertigen noch nicht die Rede vom Biofakt. Sie setzen, wie die Imitation, an der fertig gewachsenen, der erwachsenen, Form an. Eine noch zu entwickelnde Phänomenologie des Wachstums (Karafyllis 2005) müßte jedoch verschiedene Formen der Veränderung im und am Lebewesen für eine Biotechnikphilosophie fruchtbar machen. Die Diskussion, ob es sich bei einem Lebewesen um ein Biofakt oder nicht handelt, beginnt daher nicht bei einer technischen Hülle, die es argumentativ zu durchbrechen gilt, sondern umgekehrt: Eine natürliche Hülle ist es, die den technischen Eingriff im Lebewesen oder auch in der Landschaft verschleiert. Die vormals als außen gedachte Technik wird verstärkt auch nach innen, in die innere Natur des Menschen verlagert. Dabei ist noch ungeklärt, ob diese Verlagerung ins Innere dazu führen könnte, daß wir uns selbst nicht mehr als der technischen Welt gegenüber definieren können, sondern uns als technisch unvollkommenes Biofakt im Vergleich zu den funktional optimierten technischen Artefakten begreifen werden.

Wenn wir die anthropologische These ernst nehmen, daß der Mensch neben dem Werkzeugnutzer und Techniker immer auch Naturwesen ist, dann muß er und sie diese Naturanteile für ein gelingendes Leben auch in sich wiederfinden. Auch die Ambivalenz, in der uns Natur gleichzeitig als versorgend und zerstörend gegenüber tritt, mag dazu gehören. Das „Biofakt“ soll die produktive Spannung zwischen lebender Entität und Identität angesichts der aktuellen technischen Möglichkeiten begrifflich und konzeptionell neu beleben und den Diskurs um den Lebensbegriff an die Technikdebatte in der Philosophie anbinden. Schließlich geben die Bio-, Informations- und Kommunikationswissenschaften mit ihren Methoden und Produkten, den Biofakten und Artefakten, eine moderne Antwort auf die anthropologische Frage, was denn der Mensch sei. Er ist fragil.

Vergessen darf man bei dieser Antwort freilich nicht, daß sie durch eine Frage provoziert wurde, die im Geist einer Wissenschafts- und Technikkultur gestellt wurde. Ergänzende Fragen zu stellen, die die Hybridität des Menschen als Techniknutzer und Naturwesen perspektivisch einholen, könnten der Fragilität ihre Bedrohlichkeit nehmen.


Literatur

Böschen, S. und Wehling, P. (2004):
Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung: Wiesbaden

Karafyllis, N. C. (Hg.) (2003):
Biofakte. Versuch über den Menschen zwischen Artefakt und Lebewesen: Paderborn.

Karafyllis, N. C. (Hg.) (2005):
Phänomenologie des Wachstums: Paderborn (in Vorber.).

Latour, B. (1995):
Wir sind nie modern gewesen. Berlin.



Erstellt am: 14.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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