Christine Kolbe
Vortrag auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Im Zeitalter pluralistischer, technologisch hochentwickelter Massengesellschaften gewinnt der wissenschaftlich geführte Diskurs über Moral als integrative Kraft an Bedeutung. Durch die Herausbildung neuer, technologiebestimmter Handlungsfelder generiert sich eine Tiefe ethischer Fragestellungen, die hinsichtlich gravierender gesellschaftlicher Risiken und Interessenkonflikte erhöhten Steuerungsbedarf einfordert. Die Herausbildung themenspezifischer Bereichsethiken, die im Sinne einer Ethik der praktischen Klugheit versuchen, auf die konkreten Einzelfragen zu reagieren, dürfen als grundsätzliches Bemühen gelten, diese Herausforderungen anzunehmen. Ihre Ergebnisse können die notwendige Verständigung auf bestimmte normative Ziele zwar nicht als Diktat vorgeben. Indem das praktisch-ethische Verfahren darauf abzielt, die einzelnen Problemfelder in ihren Argumentationslinien, Begriffen und Diskussionsebenen zu bestimmen, verhilft es jedoch insgesamt zu einer strukturierten Diskurskultur und damit zu den Voraussetzungen gelungener normativer Verständigung.
Als einer der bedeutsamsten Bereiche solcher begleitenden Reflexionsarbeit hat die Bioethik zu gelten. Hier generieren sich Lösungskonzepte speziell zu Fragen, die das Selbstverständnis des Menschen im Kern betreffen und damit Individuum und Gesellschaft vor einen enormen Vermittlungsanspruch stellen. Insofern die Reflexion auf grundsätzlich umstrittene Technologien den Mittelpunkt einer jeden bioethischen Debatte bilden, kann ihr diskursives Geschehen als mittelbarer Beitrag zu Technikgestaltung und Risikokommunikation gelesen werden.
Unter der Prämisse, dass Diskurse in Laufrichtung und Ergebnis durch die Verfasstheit ihrer tragenden Vermittlungstechnologien bestimmt werden, erscheint der Blick auf die Bedeutung einer digitalisierten Medienlandschaft für den bioethischen Diskurs von vornherein gerechtfertigt. Die mediale Transformation der Digitalisierung muss medienhistorisch als ein fundamentaler Bruch verstanden werden: der digitale Paradigmenwechsel in der Informationsverarbeitung stellt herkömmliche mediale Verfahren unter vollständig veränderte Bedingungen und generiert darüber hinaus gänzlich neuartige Technologien.
Um die Bedeutung einer solchen technisierten Medienlandschaft für wissenschaftliche Reflexion, gesellschaftliche Kommunikation und deren Vermittlung zu bestimmen, erscheint eine Annäherung unter philosophischer Perspektive vielversprechend. Das Internet als digitale Schlüsseltechnologie, welche die neuen digitalen Möglichkeiten - insbesondere auf der Grundlage totaler Konvertierbarkeit - in paradigmatischer Weise realisiert, bietet sich als primärer Untersuchungsgegenstand an. An ihm können die allgemeinen phänomenspezifischen Wesensmerkmale digitaler Medialität herausgearbeitet, erläutert und dokumentiert werden. Schwerpunkte der Analyse bilden das Konzept einer virtuellen Realität mit ihrer veränderten Rolle von Raum und Zeit sowie die Verknüpfung von Interaktivität, Hypertextualität und Transversalität als einer neuen Form schriftlich-mündlicher Überschneidung.
Ein Ausblick auf die Bedeutung medialer Verfahren für normative Vermittlungsprozesse scheint auf dieser Grundlage möglich. Dabei müssen zwei Aspekte getrennt voneinander betrachtet werden: das moralische Urteilen und die moralische Perzeption. Konsensfindung im Sinne kollektiver Urteilsbildung sowie die subjektive Einsicht in die grundsätzlich komplexen wissenschaftlichen Gegenstände der Bioethik im Sinne des informed consent sind nur auf der Grundlage geeigneter medialer Architekturen möglich. Auf einer grundlegenderen Ebene scheint darüber hinaus auch das vor jeder begrifflichen Auseinandersetzung stehende Gespür für die moralische Relevanz einer Situation - das Moment moralischer Wahrnehmung - als fundamentale Voraussetzung erfolgreicher Moralvermittlung zu gelten.
Vor dem Hintergrund eines verantwortungsbewussten ethischen Arbeitens auf dem Gebiet der Bioethik gilt es auf der Grundlage der skizzierten Überlegungen einen angemessenen Umgang mit den vorhandenen medientechnologischen Möglichkeiten zu ermitteln bzw. Kriterien zu formulieren, nach denen der technologische Entwicklungsprozess nach Maßgabe erfolgreicher normativer Vermittlung in modernen pluralistischen Gesellschaften gestaltet werden soll.
Christine Kolbe, M.A.
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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