Wolfgang Liebert, Wolfgang Bender, Jan C. Schmidt
Vortrag auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Die dynamische Entwicklung von Wissenschaft und Technik wird zunehmend als ambivalent empfunden. Als Reflex auf die Risiken, aber auch die Erwartungshaltungen, in Bezug auf wissenschaftlich-technische Prozesse wurden Konzepte der Technikfolgenabschätzung und der Technikgeneseforschung entwickelt. Beide Ansätze sind aus unterschiedlichen Perspektiven kritisiert worden und bieten gleichzeitig das Potenzial für zeitgemäße Weiterentwicklungen, die insbesondere die frühzeitige Gestaltung von Entwicklungsprozessen in den Blick nehmen.
Wir schlagen ein Rahmenkonzept der prospektiven Wissenschafts- und Technikbewertung und -gestaltung vor. Als normativen Bezugspunkt sehen wir die in der europäischen Ideengeschichte verankerten allgemeinen Zielkriterien der Erhaltung und Entfaltung an, die auch als Bestimmung des Leitziels der nachhaltigen Entwicklung dienen können. Die Leitkriterien der Zukunfts-, Sozial-, Human-, und Umweltorientierung für die Wissenschafts- und Technikentwicklung können als Werte, die bislang als wissenschaftsextern angesehen wurden, zu den bewährten innerwissenschaftlichen (Qualitäts-) Kriterien hinzutreten.
Der Bezug auf Erhaltung und Erfaltung erfordert eine Kritik an überwiegend risikoorientierten Technikdiskursen. Wir plädieren für eine Erweiterung der Risikoperspektive um die Berücksichtigung der Forschungsphase selbst sowie für die Einbeziehung des Risikos, angestrebte oder erklärte Forschungsziele tatsächlich erreichen zu können. Andererseits sollte eine systematische Betrachtung der Potenziale spezifischer Forschungs- und Technikentwicklung vorgenommen werden, um eine Positivbestimmung der Fortschrittstendenzen zu ermöglichen. Das positiv Gewollte sollte innerhalb und außerhalb der Sphäre der Wissenschaft vermittelbar und überprüfbar - ggf. korrigierbar - werden. Eine Stärkung der problemorientierten gegenüber einer eingeschränkt technikimmanenten Perspektive erscheint dazu notwendig.
Wir sehen Forschungs- und Technologieprojekte in aller Regel durch spezifische Voraussetzungen und Zugänge der Akteure ausgezeichnet, die bestimmte Entwicklungskorridore eröffnen. Daraus ergibt sich eine Alternativenstruktur der wissenschaftlich-technischen Fortentwicklung. Durch die Wahrnehmung verschiedener Zugangsweisen können Pfadwahlen eröffnet werden (klassisches Beispiel: Energiepfade) und damit Gestaltungsspielräume eröffnet werden.
Letztlich ist mit dem Ansatz prospektiver Wissenschafts- und Technikbewertung und -gestaltung eine Reflexion auf die Voraussetzungen, Wertbindungen, Potenziale, die angestrebten Wirkungen, die Risiken und die absehbaren Folgen konkreter Forschungs- und Technologieprojekte angestrebt. Kriteriengeleitete Betrachtungs-, Bewertungs-, und Gestaltungdiskurse sollen ermöglicht werden. Dazu wird eine Konkretisierung der genannten Leitkriterien benötigt, die sich sachgerecht auf das jeweilige Forschungs- und Technikfeld bezieht und deren Eigentümlichkeit berücksichtigt. Um ein Höchstmaß an wissenschaftlich-technisch möglicher und gesellschaftlich gewollter Innovation und Legitimation zu erreichen, müssen die gewählten Kriterien zum einen von den Sachseiten her gerechtfertigt und angemessen erscheinen und zum anderen eine Orientierung an Zielen und Werten deutlich machen. Anhand der Kriterien soll die Zukunftsfähigkeit von Forschungs- und Entwicklungsprojekten transparent und überprüfbar werden. Damit werden Lernprozesse für alle Beteiligten und Akteure angestoßen. Weiterhin können Knotenpunkte innerwissenschaftlicher Entwicklungen und außerwissenschaftlicher Erwartungen und Einflussmöglichkeiten so fokussiert werden, dass wohldurchdachte Entscheidungsprozesse angeregt werden.
Die Fragilität der vernetzten Gesellschafts- und Naturzusammenhänge könnte so durch den konkretisierten Umgang mit der Ambivalenz des wissenschaftlich-technischen Fortschritts Berücksichtigung finden und zu behutsamen Gestaltungsprozessen führen. Anhand von Beispielprojekten kann der prospektive Gestaltungsansatz illustriert und gestützt werden.
Dr. Wolfgang Liebert, Prof. Dr. Wolfgang Bender, Dr. Jan C. Schmidt
Technische Universität Darmstadt
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS)
Hochschulstr. 4a
64289 Darmstadt
Tel.: +49 (0) 6151 - 16 - 4368
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