Thomas Runkel
Posterpräsentation auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Im Zuge neuer biomedizinischer Entwicklungen werden in immer stärkerem Maße Interventionsmöglichkeiten erörtert, die nicht auf die Heilung von Krankheiten abzielen, sondern zum Zwecke der Festlegung, Verbesserung bzw. Steigerung personaler oder gattungsbezogener Eigenschaften oder Fähigkeiten eingesetzt werden. Dazu zählen beispielsweise gentechnische oder hormoninduzierte Manipulationen von Merkmalen, die psychopharmakologische Verbesserung von mentalen Zuständen oder kosmetisch-chirurgische Eingriffe ins Erscheinungsbild bzw. die Geschlechtsidentität. Darüber hinaus sind darunter auch solche Bemühungen zu subsumieren, die den Alterungsprozess des Menschen erforschen wollen mit dem Ziel, in diesen Vorgang steuernd bzw. verlangsamend einwirken zu können.
In der Fokussierung auf ein in der Bioethik sehr kontrovers diskutiertes Handlungsfeld, die - de facto freilich noch weitgehend utopische - Manipulation des menschlichen Genoms zum Zwecke der Verbesserung phänotypischer Merkmale des Individuums bzw. der Gattung soll das skizzierte normativ-ethische Problem konkretisiert werden. Genetische Interventionen scheinen intuitiv in einem ungleich stärkeren Maße den Kern des Personseins zu treffen als dies umwelt- oder sozialisationsbedingte Eingriffe tun. Von dieser Prämisse geht beispielsweise Habermas aus, wenn er als Argument gegen genetische Manipulationen des Embryos anführt, dass die spätere Person essentielle Grundbedingungen ihres personalen Soseins nicht mehr retrospektiv verarbeitend einholen könne. Der naturhaften genetischen Kontingenz wird damit gleichsam eine konstitutive Rolle bei der Herausbildung einer authentischen und autonomen Persönlichkeit zugewiesen. Eine von dritter Seite manipulierte genetische Identität wird als eine autonomieeinschränkende Bestimmung interpretiert, weil sich für die Identität der Persönlichkeit wesentliche Aspekte fremder Einflussnahme verdanken. Gegen diese Position könnte eingewandt werden, dass eine derartige Intervention dem Individuum gerade mehr Freiheitsspielräume eröffnen oder sein Wohlbefinden im Sinne eines gelingenden Leben gar befördern könnte.
Eine normative Beurteilung verbessernder Eingriffe soll vor dem Hintergrund der Konzepte personaler und humaner (d. h. auf die Gattung bezogener) Identität vorgenommen werden, wobei es das Verhältnis von Identität und moralischer Normativität aus drei zu differenzierenden, aber dennoch miteinander verknüpften Perspektiven zu untersuchen gilt:
Naturale Konstitutionsverhältnisse von Personen / Menschen einerseits und personales / anthropologisches Selbstverständnis andererseits sind zu unterscheiden und in ihrer Beziehung zueinander zu beurteilen. Vor diesem Hintergrund ist dann von entscheidender Bedeutung, den normativen Geltungsanspruch der natural-praktischen Identität darzulegen bzw. zu erörtern, inwieweit ein solcher überhaupt aufrechtzuerhalten ist. Die provokante These Derek Parfits aufgreifend, dass Identität nicht dasjenige sei, auf das es für das Selbstverständnis einer Person ankomme, ergibt sich dann die Frage, inwiefern Persistenz für die Persönlichkeit bzw. die Gattung in einem normativen Sinne doch relevant ist oder gar sein muss.
Thomas Runkel
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