Magdalena Sawicka
Posterpräsentation auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
International vergleichende Studien zeigen immer wieder Einstellungsunterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern im Hinblick auf die grüne Gentechnik. Danach zeichnen sich Deutsche durch eine kritischere Haltung zu grüner Gentechnik aus als Amerikaner. Zur Erklärung sind verschiedene Gründe angeführt worden. Wir möchten in diesem Zusammenhang den Blick auf das Erklärungspotential von Naturvorstellungen richten.
Unter Naturvorstellungen können allgemein alle der Natur zugeschriebenen Eigenschaften einschließlich ihrer evaluativen Konnotationen verstanden werden. Es sind grundsätzliche und konstante Überzeugungen über das Mensch-Umwelt-Verhältnis, die von den Mitgliedern einer Kultur geteilt und weitergegeben werden. Insbesondere bei der Meinungsbildung zu neuen und unbekannten (Risiko-)Technologien können die Naturvorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Sie können als Bewertungsmaßstab herangezogen werden.
Das Poster stellt die Ergebnisse zweier Studien dar, die in Zusammenarbeit mit dem Food Policy Institute der Rutgers University, New Jersey, durchgeführt wurden. Zum einen konnten dabei Unterschiede in den Naturvorstellungen zwischen Deutschen und Amerikanern ermittelt und zum anderen deren Einfluss auf die Einstellung zur grünen Gentechnik aufgezeigt werden.
Bei der ersten Studie wurden in Deutschland und den USA je 40 vergleichbare Testpersonen (Grundschullehrer) interviewt, wobei sie u. a. nach ihren freien Assoziationen zum Begriff Natur gefragt wurden. Die Auswertung der Gedanken zeigte unterschiedliche Antwortmuster. Während die Assoziationen der deutschen Befragten auf eine idealisierende Vorstellung von Natur schließen lassen, die stark mit dem Gedanken der Bedrohung und der Schutzbedürftigkeit verknüpft ist, überwogen in den USA wertfreie Aufzählungen von Naturerscheinungen.
In einer zweiten Studie wurden 601 Amerikanern und 942 Deutschen Fragen zu ihren Naturvorstellungen sowie Einstellungen zur grünen Gentechnik gestellt. Die Naturvorstellungen als auch Einstellungen zur Gentechnik wurden mittels Skalen mit jeweils 8 Items operationalisiert. Die Skala zu Naturvorstellungen differenziert die Befragten danach, ob sie der Natur einen hohen Wert an sich beimessen (ökozentrische Naturvorstellung) oder den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen (anthropozentrische Naturvorstellung). Signifikante Unterschiede zeigten sich dabei in den Naturvorstellungen zwischen den amerikanischen und deutschen Befragten. In Deutschland ist eine stärkere Tendenz zur ökozentrischen Naturvorstellung feststellbar als in den USA. Zudem besteht in beiden Ländern ein signifikanter Zusammenhang zwischen den Naturvorstellungen und der Einstellung zu grüner Gentechnik. Die Korrelationen zusammen mit den Mittelwertdifferenzen bei den Naturskalen erklären einen Teil der Einstellungsunterschiede zwischen Deutschland und den USA.
Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse bleiben die bisherigen theoretischen Herleitungen des Konzepts der Naturvorstellungen meist undifferenziert und bieten kaum geeignete Methoden für eine erschöpfende empirische Überprüfung. Eine solche Konzeptionalisierung muss die verschiedenen Dimensionen bzw. Aspekte der Naturvorstellungen in Betracht ziehen als auch den verschiedenen Ausprägungen in unterschiedlichen Kulturkreisen gerecht werden. Die Erkenntnisse über die Zusammensetzung und Wirkung von Naturvorstellungen könnten dabei auch zur Untersuchung der Bewertung anderer Risiko- bzw. Chancentechnologien herangezogen werden.
Magdalena Sawicka
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