Vergleichende Risikobewertung.
Konzepte, Probleme und Anwendungsmöglichkeiten

Holger Schütz, Peter M. Wiedemann, Johannes Mertens

Vortrag auf der ersten Konferenz des „Netzwerks TA“: „Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung“, 24. - 26. November 2004, Berlin


Abstract

Die vergleichende Risikobewertung (Comparative Risk Assessment; CRA) spielt in Deutschland bislang keine besondere Rolle, weder im Bereich der Abschätzung und Bewertung von Risiken, noch im Bereich des Risikomanagements. Für eine rationale Prioritätensetzung beim Einsatz öffentlicher und privater Mittel zur Minderung oder Vermeidung von Risiken sind sie jedoch essentiell - so die deutsche Risikokommission.

Im Rahmen eines vom BfS geförderten Projekts wurden Konzepte, Probleme und Anwendungsmöglichkeiten der CRA untersucht. Wesentliche Ergebnisse sollen in dem Beitrag vorgestellt werden.

Insgesamt bieten die bisherigen Erfahrungen mit CRAs - vor allem in den USA - zwar reiches Anschauungsmaterial zur Vielfalt der Umsetzungsmöglichkeiten, sie sind aber wegen der administrativen, politischen und nicht zuletzt auch kulturellen Unterschiede zu Deutschland bzw. Europa nur begrenzt direkt nutzbar.

Eine wichtige Voraussetzung für eine CRA ist die Harmonisierung der Verfahren zur Abschätzung und zur Bewertung von Risiken in unterschiedlichen Bereichen. Dabei sollte die Charakterisierung der Risiken ein eigenständiger Schritt sein; sie umfasst die Zusammenfassung der Ergebnisse von Gefährdungspotenzial-Identifikation, Dosis-Wirkungs-Abschätzung sowie Expositionsabschätzung. Der gesamte Prozess erfordert wissenschaftliche Expertise und muss noch weiterentwickelt werden, um effizient anwendbar zu sein. Ein wesentliches Problem ist die Evidenzbewertung. Hier müssen Kategorien entwickelt werden, die in eindeutiger Weise operationalisiert sind. Worst-case-Szenarien sind wegen ihrer Beliebigkeitskomponente keine tragfähige Basis zur Abschätzung und Bewertung von Risiken. Dosis-Wirkungs-Abschätzungen sollten nach standardisierten und harmonisierten Verfahren festgelegt werden. Mit Blick auf die Relevanz von Gefährdungspotenzialen kommt der Expositionsabschätzung eine große Bedeutung zu.

Eine vergleichende Risikobewertung kann als multiattributes Bewertungsverfahren konzeptualisiert werden. Sie kann damit auf dem Ansatz der multiattributen Entscheidungsfindung aufbauen, der ein theoretisch fundiertes und strukturiertes Vorgehen in überschaubaren Einzelschritten ermöglicht. Für die einzelnen Schritte (Problemstrukturierung, Attributstrukturierung und -gewichtung, Sensitivitätsanalyse etc.) gibt es eine Reihe von praktisch erprobten Verfahren. Eine Stärke dieses Ansatzes ist, dass er das Explizitmachen von Vorannahmen und Wertungen fördert und deswegen eine transparente vergleichende Risikobewertung unterstützt. Deshalb ist dieser Ansatz auch gerade für CRA-Verfahren geeignet, an denen verschiedene Bewerter(gruppen) - Experten und Stakeholder - teilnehmen.

Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines CRA-Projekts ist eine gute Kommunikation. Wesentlich sind hier sowohl eindeutige Zielsetzungen, explizite und verständliche Definitionen der zu vergleichenden Risiken, der Bewertungskriterien und der Messgrößen sowie insbesondere eine verständliche Risikocharakterisierung.

Die Anwendung verfügbarer CRA-Methoden auf konkrete Fragestellungen ist die beste Möglichkeit, ihren Entwicklungsstand und praktischen Nutzen zu beurteilen. Daher sollten möglichst bald mittels einer Test-CRA praktische Erfahrungen gesammelt werden, um zu klären, welche Basis für Weiterentwicklungen existiert und welche Ansätze hierfür erfolgversprechend sind.


Kontakt

Holger Schütz, Dr. Peter M. Wiedemann, Dr. Johannes Mertens
Forschungszentrum Jülich GmbH
Programmgruppe Mensch - Umwelt - Technik
52425 Jülich
E-Mail: j.mertens@fz-juelich.de



Erstellt am: 15.10.2004 - Kommentare an: webmaster@itas.fzk.de

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