Philine Warnke
Vortrag auf der ersten Konferenz des Netzwerks TA: Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, 24. - 26. November 2004, Berlin
Mit dem rasanten Anstieg preisgünstig verfügbarer Rechenkapazität hat sich die Computersimulation als zentrales Werkzeug der Technikentwicklung etabliert. Von der Fabriksimulation bis zur Festigkeitsprüfung, von Umformprozessen bis hin zu Verbrennungen und Strömungen: In allen Technikfeldern dienen computergestützte Simulationen als Grundlage für die Gestaltung technischer Systeme.
In nie zuvor gekannter Weise erschließt dabei die Simulation Detailwissen über physische Prozesse. Im Computerlabor können Experimente zum Verhalten von Artefakten durchgeführt werden, bevor noch ein einziger echter Prototyp existiert. Die dabei gewonnen Ergebnisse gehen weit über das hinaus, was im Real-Experiment messbar ist und was althergebrachte Faustformeln der Ingenieurwissenschaften lieferten. Die Verläufe sämtlicher physikalischer Größen wie Spannung oder Geschwindigkeit lassen sich per Knopfdruck aus der Simulation ermitteln. Darüber hinaus bieten die anschaulichen Visualisierungen der Ergebnisse von Computersimulationen eine ganz neue Möglichkeit, die Ergebnisse technischen Berechnungen an Nicht-Experten zu vermitteln.
Angesichts der zentralen Bedeutung von Computersimulation für die moderne Technikentwicklung ist die Frage nach den Eigenschaften dieser Form der Generierung technischen Wissens auch aus Sicht der TA von Interesse. Denn wie Soziales mit Technischem im Verlauf einer Technikgenese verwoben wird und damit wie fragil oder stabil das entstandene Gebilde ist und wie es beeinflusst werden kann, hängt immer auch davon ab, wie technisches Wissen gewonnen wird.
In meinem Beitrag wird daher ein Ansatz dafür vorgestellt, die Charakteristika simulationsbasierter Technikentwicklung als eine spezifische Weise der sozialen Formung von Technik zu beschreiben.
Im Sinne der TA wird dabei nach den Konsequenzen für die Gesellschaft gefragt:
Technik wird - so die These - mit Simulation punktgenauer auf spezifische Zwecke hin zurichtbar. Damit wird es besser möglich, bestimmte Anforderungen zu erfüllen und extrem ressourceneffiziente Technik zu entwickeln. Gleichzeitig sind solche hoch-optimierten technischen Systeme jedoch fragiler. Sie sind stärker darauf angewiesen, dass die der Modellierung zugrundeliegenden Annahmen zutreffen, und wenig robust gegenüber Veränderungen der Randbedingungen.
Wie ausgeprägt diese Fragilisierung durch Simulation ist, hängt jedoch - so die These - davon ab, auf welche Weise im Verlaufe der Modellierung Wissen aufgenommen wurde. Um diesen Zusammenhang näher zu fassen, wird eine Parallele zur Informatik gezogen. Hier wurden, ausgelöst von der Softwarekrise, Ansätze entwickelt, den Prozess der Formalisierung von Weltausschnitten, mit dem jede Softwareentwicklung beginnt, bewusst als Realitätskonstitution statt als neutrale Realitätsabbildung zu begreifen. Die Einbeziehung von Nutzerinnen in diesen Prozess wird als Voraussetzung für die Stabilität des neu geschaffenen Stücks Wirklichkeit begriffen.
In dem Beitrag wird dafür plädiert, ein ähnlich konstruktives Verständnis von simulationsbasierter Technikentwicklung zu erarbeiten. Ein zentrales Element dieses Ansatzes wird es sein, Technikentwicklung auch weiterhin für lokales, kontextgebundenes und schwierig formalisierbares Wissen offen zu halten. Unter dieser Voraussetzung kann, so wird argumentiert, Simulation maßgeblich dazu beitragen, sozio-technische Systeme zu stabilisieren.
Dr. phil. Philine Warnke
Fraunhofer ISI
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