Netzwerk TA

Technology Assessment in der Weltgesellschaft
NTA2 - Zweite Konferenz des „Netzwerks TA“

22. - 24. November 2006, Berlin, Neue Mälzerei des Umweltforums

Dr. Wolfgang Liebert

TA globalisierter Technikentwicklung am Fall nuklearer Energietechnologien

Abstract zum Vortrag
Donnerstag, 23. November 2006, Sektion 1 „Globale Technik“, 16:00 Uhr

Zunächst war die nukleare Technologieentwicklung auf wenige Länder, wie die USA und die Sowjetunion konzentriert. Dann folgten eigenständige Entwicklungen in einer ganzen Reihe weiterer Nationen. Schon seit Jahrzehnten wird allerdings die Fusionsreaktorforschung international vernetzt betrieben. Ein besonderes Zeichen ist der 2005 gefasste Beschluss für die Errichtung eines Internationalen Thermonuklearen Experimentalreaktors (ITER), der von der EU, USA, Japan, Russland und anderen gemeinsam getragen wird. Aber auch die Forschung und Entwicklung für neue Nuklearsysteme auf Basis der Kernspaltung erreicht immer höhere internationale Vernetzungsgrade. Dazu gehört das auf Initiative der USA vor wenigen Jahren ins Leben gerufene Generation IV International Forum (GIF) und das von der Internationalen Atomenergieorganisation seit 2000 betreute Internationale Projekt Innovative Reaktoren und Brennstoffkreisläufe (INPRO). Schließlich bewegt sich auch die Nuklearindustrie in Richtung auf international auftretende multinationale Konzerne. Herausragend ist hier der aus der französischen Framatome und der deutschen Firma Siemens hervor gegangene AREVA-Konzern, der in 100 Ländern aktiv ist.

Zunächst ist zu verstehen, wie dieser Befund der reduzierten Führerschaft von nationalstaatlichen Programmen und nationalen Konzernen und die Tendenz zur Dominanz international agierender Netzwerke der Technikentwickler und multinationaler Konzerne im Nuklearbereich zu erklären ist. Die allgemeine Globalisierungstendenz scheint hier nicht hinreichend als Erklärungsmuster. Das Scheitern von Neubauplänen für Reaktoren in den letzten Jahrzehnten, ökonomische Herausforderungen in Bezug auf Wirtschaftlichkeitsfragen in Konkurrenz zu anderen Energietechnologien, wachsender Entwicklungs- und Erfolgsdruck zur Generierung attraktiverer Nuklearsysteme, hohe Entwicklungs- und Systemkosten sowie weiteres scheinen ebenfalls eine wesentliche Rolle zu spielen. Weiterhin ist die Sonderstellung der EURATOM-Förderprogramme zu beachten.

Dann kann gefragt werden, welche Konsequenzen dies für die Technikentwicklung, Diffusions- und Adaptionsfähigkeit, die Gestaltungsmöglichkeiten und TA-Prozesse hat. Von großer Bedeutung sind auf Energietechnologien zugeschnittene Kriterienkataloge für die Technikgestaltung, die Anforderungskataloge und Akzeptabilitätsanforderungen sowie kulturelle Aspekte fokussieren und diskussionsfähig machen können. Dazu gehören insbesondere Kriterien, die die Aspekte der Anlagensicherheit, der Weiterverbreitungsgefahr sowie der Abfallvermeidung bzw. -reduktion betreffen. Bemerkenswert ist, dass bei GIF und INPRO selbst Kriterienentwicklungen für eine Orientierung des Technikgenerierungsprozesses entwickelt werden. Bereits daraus ergibt sich eine Aufgabe für angemessene, unabhängige TA. Die kritische Begleitung und Hinterfragung dieser Kriterienkataloge und eine Eigenentwicklung entsprechender Instrumente der frühzeitigen Beeinflussung der Technikgestaltung erscheint notwendig. Dies wird im Beitrag exemplarisch demonstriert.

Die Erwartungen an eine Frühzeitigkeitsorientierung von TA im nuklearen Bereich erhöht sich nicht nur durch die Globalisierungstendenzen, die ein zu spätes Reagieren nationaler Instanzen, die aber weiterhin für die Genehmigungsverfahren zuständig blieben, befürchten lassen müssen, sondern auch der hohe finanzielle und zeitliche Entwicklungsaufwand für fortgeschrittene Nuklearsysteme. Das von IANUS vorgeschlagene Konzept „prospektiver TA“ (siehe NTA1) kann hier beispielhaft zum Zuge kommen.



Erstellt am: 18.10.2006 - Kommentare an: mailwebmaster

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