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Technology Assessment in der Weltgesellschaft
22. - 24. November 2006, Berlin, Neue Mälzerei des Umweltforums
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Jörg Potthast
Abstract zum Vortrag
Donnerstag, 23. November 2006,
Sektion 1 Globale Technik, 14:10 Uhr
Der Flugverkehr bietet eine wichtige Grundlage für die Globalisierung von Märkten. Er entfaltet dabei eine Wachstumsdynamik, die sich etablierten Institutionen gebietskörperschaftlich verfasster politischer Repräsentation und Kontrolle vielfach entzieht. Insofern fehlt es dem Flugverkehr an Bodenhaftung – erst recht seit der Flugbetrieb auf Hub-and-Spoke-förmige Netze umgestellt wurde. Der vorgeschlagene Beitrag misstraut dem globalisierungskritischen Skript, das dieser Darstellung zugrunde liegt: Technische Netzwerke entwickeln eine Eigenlogik, während Instanzen der Regulierung zurückbleiben? Globalisierung vollzieht sich in Netzwerken und zu Lasten herkömmlicher Organisationen? Die Weltgesellschaft ist eine Netzwerkgesellschaft – und keine Organisationsgesellschaft?
Das Misstrauen wendet sich gegen eine Implikation von Castells' Arbeit vom Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, ohne deren Grundthese zurückzuweisen: Neue Informations- und Kommunikationstechnologien haben Prozesse der Vernetzung von bestehenden technischen Systemen und Infrastrukturen ausgelöst. Globalisierung lässt sich durchaus als ein Muster der Innovation auffassen, das Informationstechnologien inhärent ist, auf unterschiedlichste Arten von technischen Apparaturen zugreift und zu einer selbst beschleunigenden Reorganisation soziotechnischer Prozesse führt. Gegen diese Beschreibung wäre nichts einzuwenden, wenn sie nicht von einer einheitlichen Logik des netzwerkförmigen Betriebs ausginge. Dieser einseitigen Diagnose entgegengesetzt wird darum die Position, dass auch die Organisationsgesellschaft fortgeschrieben werden muss. Gesellschaft ist von Organisationen durchdrungen (Perrow). Mit Organisationen verbindet sich ein Typ von Macht und Disziplinierung, der auf absehbare Zeit nicht ersetzbar ist.
Gestützt auf eine ethnografische Untersuchung zum Umgang mit einer Krise der Gepäckabfertigung (an den Flughäfen London Heathrow und Paris CDG), die eng mit der erwähnten logistischen Transformation im Flugverkehr in Verbindung steht, wird gezeigt: Der Einzug von Informations- und Kommunikationstechnologien führt zu einem erhöhten Aufwand der Abstimmung zwischen neuen und älteren Medien der Technisierung (Rammert). Zwei Formen des Umgangs geraten zunehmend in Spannung: Ursachenforschung und Schuldzuschreibung. Im Modus der Schuldzuschreibung werden kritische Situationen auf Regelüberschreitungen reduziert, für die es eine verantwortliche Person zu identifizieren gilt. Das setzt ein starkes Konzept von Kausalität und ein vollständiges Regelsystem voraus. Diese Form des Umgangs mit Pannen wird im Zuge der logistischen Transformation (und Krise) ebenso ausgebaut wie die Umgangsform der Ursachenforschung, in der Pannen als Anlässe zur Exploration und Visibilisierung unter Umständen weit ausgedehnter und heterogener Netzwerke gesehen werden. Im Unterschied zum zuerst genannten Modus werden Ursachen hier nicht sanktionsfähigen, geschlossenen Einheiten zugeschrieben, sondern verteilten Einheiten. Die Erwartung, dass – organisationsaffine – Strategien der Schuldzuweisung abgelöst würden durch – netzwerkaffine – Strategien der Ursachenforschung, lässt sich nicht bestätigen. Vielmehr koexistieren beide Formen des Umgangs mit Pannen. Keines der im Detail analysierten Maßnahmenbündel, die unter dem Eindruck der Krise der Gepäckabfertigung ergriffen wurden, hat dazu geführt, die Interferenz von Schuldzuweisung und Ursachenforschung zu entschärfen.
Statt eines vielfach behaupteten Trends zur Bereinigung wurden konkurrierende Koordinationsmodi vorgefunden. Kritische Situationen werden weder exklusiv von Netzwerken noch von formalen Organisationen regiert. Wenn die These vom Aufstieg der Netzwerkgesellschaft dies unterstellt, dann ist sie zu korrigieren. Ist dieser Befund verallgemeinerungsfähig? Weltnetzwerkgesellschaft und Weltorganisationsgesellschaft? Jedenfalls verdient die Frage, wie die beiden Koordinationsmodi integriert werden, erhöhte Aufmerksamkeit. Der vorgeschlagene Beitrag empfiehlt dieser Debatte mit der Unterscheidung von Ursachenforschung und Schuldzuweisung ein Konzept, das es erlaubt, Prozesse technikunterstützter Globalisierung in widerstreitende Teilprozesse zu zerlegen und einer sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen.
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